Scheidender Technikvorstand Kurt Hunsänger

Ein Impulsgeber für die EVO

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Kurt Hunsänger

Offenbach - Da gibt einer sein Herzblut für seine Firma hin, auch wenn die Anstellung bald ein Ende hat. Dr. Kurt Hunsänger (65),Technikvorstand der Energieversorgung Offenbach, ist eine positive Entwicklung der EVO auch nach dem Ausscheiden wichtig. Von Frank Pröse

Es würde seine Arbeit ja auch nachträglich adeln, hat Hunsänger doch wesentlichen Anteil daran, das Unternehmen zukunftsfest zu machen. Mit Müll lässt sich gutes Geld verdienen. Das ahnte Hunsänger schon, als diese Erkenntnis noch nicht Allgemeingut war. Als 1998 neu bestellter Technikvorstand der Energieversorgung Offenbach (EVO) versicherte er sich vor dem Erwerb der Müllverbrennungsanlage des in Auflösung begriffenen Umlandverbandes taktisch klug der politischen Rückendeckung durch den damaligen Oberbürgermeister Gerhard Grandke. Im eigenen Unternehmen musste er keine große Überzeugungsarbeit leisten, war allen doch recht einsichtig, dass die Anlage bestens ins Fernwärmesystem integriert werden konnte und mit der thermischen Verwertung von Siedlungsabfall für ordentliche Erträge gut war. Die sind bei inzwischen etwa 250.000 Tonnen im umweltschonenden Kraft-Wärme-Kopplungsverfahren verbrannten Abfällen auch heute noch gut, was nicht ganz unwichtig ist, weil mit dem Verkauf von Strom und Gas in der Branche immer weniger verdient wird.

Umso wichtiger ist es, auf mehreren Beinen zu stehen. Und so war Hunsänger auch die treibende Kraft beim Auf- und Ausbau des Geschäftsfelds regenerative Energien. Unter anderem das Engagement in 38 Windkraftanlagen mit 95 Megawatt Leistung für 200 000 Menschen hat aus der EVO inzwischen einen Versorger gemacht, dessen Angebot das Ökolabel bereits zur Hälfte zurecht trägt. Hunsänger stolz: „50 Prozent regenerative Energieerzeugung; das ist soviel, wie die Bundesregierung für 2025 eingeplant hat.“

Holzpellets für mehr Nachhaltigkeit

Zu mehr Nachhaltigkeit trägt auch die Produktion von Holzpellets bei, die wegen der zurzeit niedrigen Preise für konkurrierende Energien nicht als Steinkohle-Ersatz im eigenen Heizkraftwerk verbraucht werden, sondern im harten Wettbewerb zu vermarkten sind. Heute stehen auf dem Gelände 90.000 Tonnen Jahreskapazität, verkauft werden zwischen 60.000 und 70.000 Tonnen. „Insgesamt haben wir mehr als 200 Millionen Euro in den Ausbau regenerativer Energien gesteckt“, sagt Hunsänger, der damit sein Ressort aus seiner Sicht zukunftsfest an seinen Nachfolger Günther Weiß (52) übergibt, wenn er dieser Tage nach mehr als 16 Jahren Wirkens in Offenbach in Ruhestand geht.

Kurz vor der Rente hat Hunsänger noch mitgeholfen, das Entsorgungsstandbein der EVO zu stärken, denn dort ist mit steigenden Umsätzen zu rechnen. Nach dem Kauf des Gewerbemüllsammlers Frassur GmbH vor zweieinhalb Jahren und der Integration der Betriebsstätte Mörfelden-Walldorf des Containerdienstes Sita Mitte im vergangenen Sommer hat die EVO auch die Muldendienst West GmbH in Frankfurt erworben, die unter der Regie von Frassur weitergeführt wird. Nur der Vollständigkeit halber: Seit einigen Monaten gehört das Offenbacher Unternehmen Rudolph Rohr- und Kanalreinigung ebenfalls zum Energieversorger, der auf seinem Stammgebiet in Stadt und Kreis mittelfristig mit dem Auslaufen von Konzessionen bei Strom, Gas und Wasser zu kämpfen hat. Ein Kampf ist schon verloren, seit Heusenstammn bekanntgegeben hat, sich künftig vom Konkurrenten Maingau beliefern zu lassen. Noch nicht entschieden sind die Verträge mit Obertshausen, Seligenstadt, Hainburg, Hainhausen und schließlich Offenbach, wo neben Strom und Gas auch die Belieferung mit Wasser verhandelt werden muss, ein ebenso wichtiges Geschäftsfeld, wie Hunsänger betont.

„Es gibt in der Politik Diskussionen der Rückführung in kommunale Trägerschaft, entschieden ist noch nichts. Zu beachten sind dabei auch die gewaltigen Investitionen ins Wassernetz. Im Schnitt der letzten 20 Jahre wurden zwei Millionen Euro dafür ausgegeben. Diese Anlagen gehören der EVO. Und wenn man es ändern will, müsste die Stadt sie zurückkaufen.“

In Frankfurt lebende Mozartliebhaber

In Stadt und Kreis ist Hunsänger präsenter gewesen, als man es allgemein einem Technikvorstand des örtlichen Energieversorgers zutrauen würde; freilich weniger als EVO-Vertreter, zuständig für Kraftwerke, Arbeitssicherheit, Umweltschutz und Gebäudemanagement, eher als EVO-Vize mit Hang für die schönen Künste (Beispiel: EVO-Kunstwettbewerb). Legendär die Vernissagen in der „Galerie im Turm“. Die Mitarbeiter wurden kurzerhand ins Kunst-Konzept mit einbezogen, durften die 500 im Unternehmen ausgestellten Kunstwerke aussuchen. Die EVO sponsert neben dem OFC etwa 180 Vereine und fördert darüber hinaus kulturelle, soziale und ökologische Projekte. Persönlich hilft Hunsänger beispielsweise als Mitglied im Lions-Club der Lederstadt. Dort gilt er als Erfinder des inzwischen etablierten Entenrennens auf dem Main, ein gesellschaftliches Ereignis mit karitativer Wucht, wenn regelmäßig mehr als 30.000 Euro für den guten Zweck zusammenkommen.

Davon macht der in Frankfurt lebende Mozartliebhaber und Freejazz-Fan im Interview allerdings wenig Aufhebens. Der verheiratete Vater eines Sohnes und einer Tochter zählt Ski- und Radfahren zu seinen Hobbys. Letzteres kommt nicht von ungefähr. Schließlich wurde Hunsänger als Mitglied des Radsportvereins seiner Geburtsstadt Elz dreimal Weltmeister im Einer-Kunstradfahren der Männer, zwei Vize-WM-Titel hatte er bereits als Jugendlicher errungen, ebenso die Jugend-Europameisterschaft. Den schönen Künsten wird Hunsänger übrigens schon aus familiären Gründen zugetan bleiben, will er doch seiner Tochter beim Aufbau einer Galerie in Wien behilflich sein - Mäzenatentum für die Familie.

Die Köpfe der Wirtschaft in Stadt und Kreis Offenbach

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An den Main verschlug es den gebürtigen Westerwäldler im Jahr 1998. Zuvor arbeitete er zehn Jahre als technischer Geschäftsführer der Stadtwerke in Hamm. Dort konnte er auf seine Erfahrungen als Abteilungsleiter der Technischen Werke in Stuttgart aufbauen. 1979 hatte Hunsänger an der Technischen Universität in Aachen ein Maschinenbaustudium mit dem Schwerpunkt Energietechnik absolviert und vier Jahre später seine Promotion abgelegt. Der Weg zum Technikvorstand war so vorgegeben, doch Hunsänger war über die nachhaltige Ausrichtung der EVO auch als betriebswirtschaftlich denkender Stratege gefragt. Nachdem die Mannheimer MVV die Mehrheit an der EVO für „gutes Geld“ erworben habe, sei ihm bewusst gewesen, dass das Unternehmen diesen Preis auch wieder habe verdienen müssen. Um höhere Ergebnisse abliefern zu können, habe er 2002 beginnend eine große Umstrukturierung zur Kostensenkung angestoßen, bei der 120 Arbeitsplätze im Einvernehmen mit dem Betriebsrat abgebaut worden seien. Das habe aber auch dazu geführt, dass die EVO über die neuen Arbeitsabläufe dauerhaft habe gute Ergebnisse liefern können. Dass Hunsänger die mit Personalabbau verknüpfte Schaffung moderner Strukturen als einen Meilenstein seiner Offenbacher Karriere nennt, weist den Mann als stark am Ergebnis orientierten Manager aus. Dass die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens Cerventus Naturenergie GmbH mit der Wörrstädter Windanlagengruppe Juwi ein weiterer Höhepunkt in Hunsängers Karriere war, lässt sich an der Bedeutung des Windenergiesektors bei de EVO ablesen. Juwi, zwischenzeitlich in Turbulenzen geraten, gehört inzwischen der EVO-Mutter MVV.

Was war im Beruf noch wichtig? Hunsänger: „Von den 16 Jahren und sieben Monaten bin ich 16 Jahre und sechs Monate gerne bei der EVO gewesen. Ein paar Tage hat man immer, wo es nicht so gut läuft. Aber letztlich sind wir zusammen durch dick und dünn gegangen. Wenn sie als Vorstand etwas voranbringen wollen, da ist es schon gut, wenn sie sich umdrehen und feststellen, dass alle noch da sind. Das hat mir vom ersten Tag an gut gefallen.“

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