Kuscheln mit dem Stoffschwein

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Die Kunst ist, unter anderem, die Kollektion schadstofffreier „Organic Cotton“-Klamotten. Aber Maren Schmitt setzt ihr Thema eben auch fotografisch um.

Offenbach ‐ Wieder einmal reges Interesse fand die Präsentation der Diplome des Fachbereichs Visuelle Kommunikation der Hochschule für Gestaltung am Freitagabend. Von Claus Wolfschlag

Einige hervorstechende Arbeiten beschäftigten sich mit der Suche nach dem Eigenen, mit den Spuren persönlicher und familiärer Erinnerung.

Bianca Stich schuf eine riesige Ahnengalerie aus Aquarellporträts, zwei komplette Wände eines Verbindungsganges einnehmend. „Nach dem Tod meiner Großmutter sind mir viele Familiendokumente in die Hand gefallen. Dadurch fing ich an, mich mit meinen Vorfahren zu beschäftigen“, sagte sie. Aus eigenen Erinnerungen, Erzählungen, Gegenständen, Dokumenten, Familienstammbüchern, Briefen und Fotos rekonstruierte sie eine Familiengeschichte.

Dabei ging sie auch etwas augenzwinkernd vor, ließ bei Lücken der Überlieferung die eigene Phantasie fliegen und schuf so Übergänge zwischen Fiktion und Realität. „So wie ein Wissenschaftler während der Forschungsarbeit Notizen macht, fertigte ich stattdessen Zeichnungen von meinen Vorfahren an. Es entstand eine Ahnengalerie.“ So kann man sie nun einträchtig nebeneinander hängen sehen, die Vorbilder und die schwarzen Schafe, durch Blutsbande verwoben - Krankenschwestern, Monokelträger, Jungen in Seemannsuniformen. Die Bedeutung für die eigene Person interpretiert Stich geteilt. Einerseits habe man eine individuelle Identität, anderseits gebe die Einbettung in einen Ahnenzusammenhang Halt und verbessere das Verständnis des eigenen Selbst.

„Das Eigene am Eigenen“

„Das Eigene am Eigenen“ nannte Marius Ohl seine vor allem aus großformatigen Gemälden bestehende Arbeit. „Ich arbeitete mich an dem Kontext Bewusstsein, Eigensinn, Individualität ab und versuchte vor allem, dem Betrachter einen emotionalen Zugang dazu zu ermöglichen“, erläuterte Ohl. Die weichen Form-Strukturen der Bilder wurden mit farblicher Expressivität verbunden und entstanden während des Musikhörens. Als Beigabe hatte der junge Künstler einige gegenständliche Aquarelle von Naturlandschaften aufgehängt. Im April werden seine Bilder bei einer Ausstellung in Worms zu besichtigen sein.

„Bewusst sein“ nannte Arndt Poser seine Plakatreihe, deren Exponate allesamt mit den Worten „Ich bin…“ begannen. „Plakate machen neugierig und aufmerksam, darüber hinaus können sie auch Bewusstsein schaffen“, verlautbarte er. „Bewusstsein über Produkte, Marken, Veranstaltungen oder, wie im Falle meiner Arbeit, Bewusstsein für das eigene Ich.“

Grippe kann äußerst inspirierend sein

Runa Rosina Menges hat ihre Kindheit quasi hinter sich. Demnächst tritt sie eine Stelle als Dozentin für Animation an der HfG an.

Eigenen Kindheits- beziehungsweise Generationenerinnerungen widmete sich Runa Rosina Menges aus Hanau in ihren grellbunten Gemälden. Seltsamen Personen mit bläulichen, verzerrten Gesichtern wurden zahlreiche Attribute einer beinahe vergangenen Zeit beigemengt. Hier fliegt ein Michelin-Männchen durch die Luft, dort wird mit einem Stoffschwein gekuschelt. Pustefix, Playmobil, ein Schaukelpferd und ein Schäferhund geben sich ihr Stelldichein. Diesen Zitaten wurde stets eine geometrische und zelluläre Struktur hinterlegt. „Auch dies ist aus einer Erinnerung entstanden“, erläuterte Menges. „Ich hatte einmal eine Grippe und beschäftigte mich daraufhin mit dem Aufbau von Viren.“ Das temperamentvolle Mädchen mit viel Liebe zu Tatoos wird der Lederstadt übrigens erhalten bleiben. Demnächst tritt sie eine Stelle als Dozentin für Animation an der HfG an.

Neben diesen ins Auge fallenden Bearbeitungen von Identität und Erinnerung zeigten die studentischen Werke die ganze Bandbreite künstlerischen Schaffens an der Hochschule, von Filmen über Animationen bis zur Installation. Elahe Shahrokhi zeigte liebevoll gerahmte Bilder märchenhafter Phantasiewesen. Kerstin Göhlich präsentierte schlichte Zeichnungen, Menschen in Zimmern, im Wald, vor Containerbauten. Sabine Freund interpretierte „das brüchige und wahrhaftige Paradies“ in einer Ansammlung zusammengeketteter Schlachtboote mit Trauerschleifen, vor denen starre Flamingos ihrem Tagwerk nachgingen. Und Maren Schmitt überzeugte durch professionelle Modefotografien einer „Organic Cotton“-Kollektion. Die Hersteller der Biobaumwolle für die Kleidung verzichteten bewusst auf chemische Düngemittel und Pestizide.

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