Längst raus aus dem Keller

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Aus Platzgründen ganz unten im Bücherturm, aber dank unbändiger Lust an der Musik natürlich längst raus aus dem Kellerdasein vergangener Jahre: Der Jazz e.V. feiert seinen 20. Geburtstag gestern mit einem ersten Konzert.

Offenbach ‐ In der Regel hört man im Bücherturm nur das zarte Geraschel, das beim vorsichtigen Umblättern dünner Buchseiten entsteht. Hin und wieder kommt das Flüstern einiger Besucher hinzu oder das Räuspern in Lektüre versunkener Leser. Von Katharina Skalli

In der Regel ist aber auch nicht die Big Band der Immanuel-Kant-Schule (IKS) zu Gast. Wenn die kommt, dann wird es laut.

Der Jazz e.V. Offenbach hat allen Grund, laut zu sein. Feiert er doch in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag. Eingeläutet wird der runde Geburtstag des Vereins mit dem Gastspiel des „One O´Clock Jump Orchestra“ der IKS.

Vor der Vereinsgründung im Dezember 1991 war es in Offenbach und der Region leiser gewesen. „Die Stadt war kulturell im Tiefschlaf“, erinnert sich der Vorsitzende Lutz Plaueln. Zu leise für den damals 46-Jährigen, Berufsmusikerin Ruth Eichhorn und Jazzfan Tillmann Gasch. Das Trio wollte die Jazzmusiker aus ihren Kellern holen und ihnen Auftrittsmöglichkeiten verschaffen. Aus 36 „neustürmenden“ Jazzern gründeten sie den Jazz e.V. mit dem Ziel, die Szene in Offenbach wieder zu beleben, die nach einer Hochzeit in den 50er und 60er Jahren durch den Rückzug der öffentlichen Förderung aus dem Kulturbereich fast ganz verschwunden schien.

Die Jazz-Mission der Offenbacher ist noch nicht erfüllt

Doch in den Kellern wurde weiter gejazzt. Die Anhänger wollten nicht, dass ihre Musik verschwindet. Sie wollten die Szene fördern und das Rampenlicht, das in den 80ern und 90ern hauptsächlich auf die Künstler der leichten Unterhaltung fiel, wieder auf ihre talentierten Musiker lenken.

Bis heute ist die Förderung regionaler Jazzer die Hauptidee des Vereins. Dabei zählen sowohl neue als auch bekannte Bands zu den Schützlingen von Plaueln und seinen Mitstreitern. In Schulen suchten die Kenner nach talentiertem Nachwuchs und holten ihn auf die Bühnen der Stadt. Über 400 Konzerte hat der Verein in seiner Geschichte organisiert. Festgelegt auf einige wenige Stilrichtungen ist er dabei nicht. Blues, Ragtime, New Orleans, Swing, Fusion, Funk – alles ist dabei, wenn die Jazzer zum Konzert bitten.

In den ersten zehn Jahren des Bestehens habe es kaum Konkurrenz gegeben, erinnert sich Plaueln. „Selbst die Frankfurter haben geschlafen. Offenbach hat das belebt, was in Frankfurt in den 60ern verloren gegangen war.“

Als um die Jahrtausendwende die Hochschulen in Darmstadt, Köln und Frankfurt mit der Ausbildung von Jazzmusikern begannen, suchten die jungen Musiker nach Auftrittsmöglichkeiten und fanden diese auf den Bühnen des Vereins. Heute ist die Konkurrenz größer. Doch das stört Plaueln und den Verein wenig. Man freut sich. „Die Sache an sich bewegt sich weiter. Dann ist eines unserer Ziele erreicht.“

Gegen großes Konzert nicht immer eine Chance

Auch wenn sich die Jazzszene Rhein-Main erholt hat, ist die Mission der Offenbacher noch nicht erfüllt. Alte und neue Jazzer aus der Region sollen weiter gefördert werden. Dabei geht es dem Vorstand und den Mitgliedern nicht nur darum, gute Musik zu spielen, sondern auch Treffpunkte zu schaffen und Begegnungen zu fördern. Viele Orte der Stadt werden vom Jazz e.V. zum Konzertsaal umfunktioniert – das Undine-Heim, das Büsingpalais, der Lilipark, der Wiener Hof, der Bernardbau. „Überall wo Musik hinpasst, haben wir gespielt“, versichert Oberjazzer Plaueln.

Gegen ein großes Konzert im Kreis haben die Veranstaltungen des Jazz-Vereins jedoch nicht immer eine Chance. Einmal kamen nur acht Besucher zu einem Konzert. Doch von kleinen Tiefschlägen lassen sich die Musikliebhaber nicht irritieren. In den besten Zeiten hatte der Verein 136 Mitglieder, heute sind es 73. „Für einen Verein, der eine Nische bedient, ist das eine gute Zahl“, sagt Lutz Plaueln, der seit gefühlten 20 Jahren den Vorsitz inne hat. Tatsächlich sind es nur 16. In den ersten vier stand Tilmann Gasch an der Spitze. Ans Aufhören denkt Plaueln noch lange nicht.

Die Jugendlichkeit bewahrt sich der Verein mit Nachwuchskünstlern. „Der Jazz wird wieder zeitgemäßer“, sagt Plaueln. „Mittlerweile machen wieder viele junge Leute Jazzmusik.“ Bands aus ganz Deutschland und dem Ausland wollen mittlerweile unter der Flagge des Clubs auftreten. Weiterhin haben jedoch Offenbacher Künstler Vorrang. 1997 gab es für die Förderung des Jazz und der Offenbacher Kulturszene den Kulturpreis der Stadt. „Das war eine tolle Sache“, erinnert sich Plaueln. „Es war ein Zeichen dafür, dass wir wahrgenommen werden, dass wir Qualität liefern und uns etabliert haben.“

Der Jazzverein ist nicht der einzige Ort, an dem sich Lutz Plaueln engagiert. Der 66-Jährige ist Stadtverordneter für die SPD und war lange Zeit bei den Naturfreunden aktiv. „Sich öfter einmischen ist wichtig“, sagt er und meint das nicht nur im musikalischen Sinne. Im Jubiläumsjahr finden etwa 20 Konzerte statt. Die Geburtstagsparty wird Mitte Dezember gefeiert.

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