Lärmende Abkürzung

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Thomas Hesse beobachtet den Luftraum und klagt jetzt wegen zu niedrig fliegender Flugzeuge.

Offenbach - Thomas Hesse will es genau wissen. Der Offenbacher hat beim Regierungspräsidium Darmstadt beantragt, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einzuleiten. Von Benedikt Müller

Sein Vorwurf: Etwa jedes fünfte Flugzeug überfliegt Offenbach deutlich niedriger als von der Deutschen Flugsicherung (DFS) angegeben. Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) bearbeitet Hesses Antrag.

Der 55-Jährige argumentiert auf der Grundlage einer DFS-Grafik. Wenn Maschinen bei Westbetrieb die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens anfliegen, kommen sie regulär in einem Drei-Grad-Winkel über Hanau und Offenbach runter. Über der Kreuzung der Sprendlinger Landstraße mit der Bismarckstraße in Offenbach haben sie noch eine Höhe von 901 Metern über dem Boden.

„Für mich ist das auf jeden Fall vermeidbarer Lärm“

„Diesen Wert habe ich in hunderten von Messungen überprüft“, erzählt er. Mit Hilfe der kostenlosen Software Casper fand Hesse seit Dezember allerdings fast täglich Flüge, die in deutlich weniger als 900 Metern Höhe besagte Kreuzung überflogen. Bis Februar schickte er der DFS an jedem dieser Tage eine Beschwerde inklusive Casper-Screenshot.

Fielen dem Offenbacher im Lauf eines Tages einige besonders laute Flüge auf, notierte er die Uhrzeit genau und überprüfte die Flughöhe im Nachhinein.

Vor zehn Jahren erfuhr Hesse, dass man Ordnungswidrigkeiten im Luftverkehr verfolgen lassen kann. Gemäß Luftverkehrsordnung kann zum Beispiel mit einer Geldbuße bis zu 50.000 Euro bestraft werden, „wer Lärm bei dem Betrieb eines Luftfahrzeuges verursacht, der stärker ist, als es die ordnungsgemäße Führung oder Bedienung unvermeidbar erfordert“.

Genau diesen Tatbestand sieht Hesse bei tiefer fliegenden Maschinen erfüllt. „Für mich ist das auf jeden Fall vermeidbarer Lärm.“ Schließlich seien die Wetterverhältnisse in den besagten Fällen nicht extrem gewesen. „Es gab überhaupt keinen Grund, tiefer zu fliegen!“

Offiziell beginnt diese Maßnahme im Dezember 2012

Doch, und zulässig sei es auch, erklärt Günter Lanz, Geschäftsführer der Informationsplattform Umwelthaus. Der Großteil der beanstandeten Flüge habe sich schlicht den langen Gegenanflug, etwa über Langenselbold oder Gelnhausen, gespart und stattdessen schon über Offenbach eingedreht. Flugtechnisch bedingt seien diese Maschinen an der besagten Kreuzung tiefer als solche, die weiter östlich ihren Endanflug beginnen.

Das könne zwar „etwas mehr Lärm für Offenbach“ bedeuten. „Aber die längere Wegstrecke auszufliegen, kostet mehr Sprit und verursacht Lärm für noch mehr Menschen“, meint Lanz. Es sei absolut regelkonform, wie da geflogen werde.

Auch wenn Hesse mit seinem Antrag scheitern sollte, darf er auf Besserung hoffen. Im Zuge der Allianz „Gemeinsam für die Region“ von Fraport, Lufthansa und DFS soll die Freigabe fürs Eindrehen über Offenbach künftig nicht mehr erteilt werden.

Offiziell beginnt diese Maßnahme im Dezember 2012. „Sie könnte ab Anfang 2013 in Kraft treten“, berichtet DFS-Sprecherin Kristina Kelek auf Anfrage unserer Zeitung. Doch vorher müssen die betrieblichen Voraussetzungen überprüft werden. „Man kann sich noch nicht festlegen, weil man keine der geplanten Lärmschutzmaßnahmen einzeln betrachten kann“, erklärt Kelek.

Thomas Hesse kommen derart schwammige Aussagen bekannt vor. „Die DFS ist ein Ankündigungsweltmeister“, kritisiert er. Noch mehr ärgert ihn, dass der Fluglärmschutzbeauftragte des hessischen Wirtschaftsministeriums noch vor wenigen Wochen bezweifelte, dass Hesses Daten stimmen. „Derart zahlreiche Höhenabweichungen wären längst auffällig geworden“, hatte Patrick Kirsch in einer E-Mail geschrieben, die unserer Zeitung vorliegt. „Kein für den Flugbetrieb einer großen Airline Verantwortlicher würde ein derartiges, gefährliches Unterschreiten des Gleitwegs dulden“, heißt es weiter.

Der Beauftragte Kirsch scheint seiner Zeit ein Stück voraus zu sein. Denn noch ist die Abkürzung über Offenbach gängige Praxis, entweder bei geringer Auslastung des Flughafens oder als Ergänzung bei Volllastbetrieb. Thomas Hesse weiß es genau – und hat dies bestätigt bekommen.

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