Widerstand ist Handarbeit

Offenbach - Eva Reiß kann etwas, das nicht jeder kann: Sie kann stricken. Ohne hinzugucken. Und ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Eine Gabe, die Offenbachs evangelische Dekanin gestern auf dem Wilhelmsplatz zur idealen Gesprächspartnerin qualifiziert. Von Marcus Reinsch

Man will ja nicht, dass der „Lärmteppich“, an dem hier hunderte Offenbacher gleichzeitig klappern, am Ende kleiner als möglich ausfällt - nur weil man als Beobachter der bisher kreativsten Protestaktion gegen den Fluglärm eine ihrer routiniertesten Handarbeiterinnen abgelenkt hat.

Bei Reiß besteht da keine Gefahr. Sie hat schon gestrickt, lange bevor es ein politischer Akt wurde. Und jetzt, da es einer ist, legen ihre Hände noch einen Zahn zu, während ihr Kopf dem Mund aufträgt, vom „ganz bunten Protest“ zu sprechen und davon, „dass wir unter dem Lärmteppich vom Flughafen nicht ersticken wollen, weshalb wir uns als sichtbares Zeichen einen eigenen erstricken.“

Außergewöhnlich beeindruckende Gelegenheit

So ist es. Spätestens seit Eröffnung der neuen Landebahn sind zahllose schlaflose Offenbacher jeder Bildungs- und Gehaltsklasse stinksauer auf Flughafen-Lobby und peinlich durchschaubar zurückrudernde Landesregierung, nehmen von den Montagsdemos im Terminal bis zur Unterzeichnung diverser Resolutionen jede Gelegenheit wahr, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Und die von der freien Kulturarbeiterin Andrea Ehrig, Anna-Fee Neugebauer vom städtischen Kulturbüro und der Kinderbuchillustratorin Manuela Olten initiierte Aktion „Sichtbarer Lärmteppich“ erweist sich als außergewöhnlich beeindruckende Gelegenheit. Eine der Biertischinseln auf dem Wilhelmsplatz ist von Damen der Seniorenhilfe bevölkert, auf einer anderen hat sich anscheinend der Rumpenheimer Widerstand verabredet. Es gibt Gespräche, Kaffee, Kekse, Schokoriegel. Ein Pizzalieferant sucht den, der bei ihm „eine Vegetarische“ bestellt hat.

So wächst der Teppich nach dem Patchwork-Prinzip aus hunderten, vielleicht tausenden im nicht immer vorherrschenden Idealfall rechteckigen Elementen von der Wilhelmsplatzmitte aus Richtung Rand, bis er an die Landkarte einer Region mit vielen Feldern und Wiesen erinnert. Nicht jedes Teil entsteht direkt vor Ort; viele Menschen stricken einfach an wollenen Bahnen weiter, die sie schon in den vergangenen Wochen begonnen haben.

Rekord liegt bei 955 Quadratmetern

Der Widerstand ist Handarbeit. Und eine ganz große Sache. Am Ende misst der Lärmteppich etwa 20 auf 22 Meter; Andrea Ehrig hat sich die Quadratmeterzahl 463,5 auf die Hand geschrieben. Das reicht, um unübersehbar zu sein für Menschen, die im Flieger über Offenbach unterwegs sind, für die Politik und lieber noch, falls das tatsächlich was anderes sein sollte, für die Bundesverwaltungsrichter in Leipzig, die ab 13. März auch über die Offenbacher Flughafen-Klage verhandeln werden.

Es reicht vermutlich nicht für einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Für den „Carpet of Noise“, den handgestrickten und -gehäkelten Lärmteppich, den die Organisatorinnen bei der Jury angemeldet haben, gibt es zwar keinen passgenauen Vergleichswert. Aber eine iranische Webteppichfirma hat mal einen 955 Quadratmeter großen Lappen produziert. Daran wird sich das Offenbacher Stück wohl messen lassen müssen. „Der Rekord ist Nebensache“, sagt Andrea Ehrig. „Aber wir werden die Dokumentation einfach mal einsenden.“

Kommentare