Der Vorsitzende des Weißen Rings im Interview

In die Lage des Opfers versetzen

Offenbach - Der Weiße Ring setzt sich für Gewaltopfer und Prävention ein. Horst Cerny, Vorsitzender des hessischen Landesverbandes, sprach mit unserer Zeitung über Zivilcourage und Opferschutz.

Wie präsent ist der Fall Tugce noch in Ihrer Arbeit?

Wenn es um Zivilcourage geht, dann kommt auch immer wieder die Rede darauf. Die Ereignisse sind wohl unvergessen.

Hat sich Ihrer Einschätzung nach durch den Fall in Sachen Zivilcourage etwas verändert?

Das ist schwer zu sagen. Aber viele Menschen hat es zum Nachdenken angeregt: Was würde ich tun, wenn jemand in Not ist? Viele Menschen waren schon in Situationen, wo sie durchaus die Notwendigkeit erkannten einzuschreiten, hatten aber gleichzeitig große Angst, selbst verletzt zu werden. Ich rate immer: In die Lage des Opfers versetzen – Sie wollen im Falle des Falles ja auch, dass Ihnen jemand hilft. Was aber keiner verlangen kann, ist, dass man sich selber in Lebensgefahr begibt. Kein falsches Heldentum, bitte.

Was rät Ihre Organisation Menschen, die in brenzlige Situationen geraten?

Zunächst geht es darum, die Lage einzuschätzen, zu helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Gerade wenn Waffen im Spiel sind, ist äußerste Vorsicht geboten. Schreien Sie laut und sprechen Sie dabei den Täter direkt an, etwa: „Du in der blauen Jacke“, damit der weiß, er wird beobachtet. Versuchen Sie andere Passanten anzusprechen, sie zur direkten Mithilfe aufzufordern: „Komm, lassen Sie uns gemeinsam helfen!“ Wählen Sie die Nummer der Polizei, die 110. Und: Lassen Sie das Opfer nicht aus den Augen, und stellen Sie sich als Zeuge zur Verfügung.

Alles zum Fall von Tugce Albayrak

Hat der Weiße Ring der Familie Albayrak vor einem Jahr zur Seite gestanden?

Ja, wir haben der Familie sofort geholfen. Hierbei war eine sehr umfangreiche und detaillierte Rechtsberatung durch einen unserer Anwälte ganz wichtig. Kernstück war unter anderem die Nebenklage. Über unser Netzwerk von Therapeuten stand auch sofort eine Fachkraft zur Verfügung. Wegen Sprachbarrieren wandte sich die Familie dann an einen Therapeuten aus ihrem Sprachkreis. Auch haben wir die Familie finanziell unterstützt.

Die Familie von Tugce plant eine Stiftung, die sich auch die Aufklärung über Zivilcourage zum Ziel setzen will. Wie stehen Sie dazu?

Ganz toll, die Familie ist bewundernswert. Es wird zwar schon viel von uns oder von staatlicher Seite getan, aber die Familie kann so noch einmal ein Zeichen setzen, dass es sich lohnt, Hilfe zu leisten.

Der Weiße Ring ist im Zuge der Diskussion um Tugce für ein besseres Opferentschädigungsgesetz eingetreten. Was fordern Sie konkret? Hat sich die Politik bewegt?

Es geht uns vor allem um die psychischen Schäden, die ein Überfall hinterlässt. Dies ist sogar bei einem Einbruchsopfer der Fall. Diese psychischen Schäden werden noch nicht entsprechend anerkannt. Ein Beispiel: Viele leiden nach einer schweren Straftat an einem Trauma. Doch der psychische Schaden ist „nicht sichtbar“ – wie etwa ein Gipsverband. Diese Anerkennung sollte noch im Opferentschädigungsgesetz erfolgen. Das muss sich schnellstens ändern. (ad)

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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