Drei Jahre und neun Monate Jugendarrest

Drogendealer hatte elf Kilo Heroin in Offenbach gebunkert

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Symbolbild

Offenbach - Drei Jahre und neun Monate Jugendarrest: Das ist der Preis, den ein junger marokkanischer Dealer aus Offenbach für seine Heroingeschäfte zahlen muss. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Ouassime D. (24) hatte Ende 2010 unter einem Decknamen und mit gefälschten Ausweispapieren eine Wohnung an der Bismarckstraße gemietet. Diese diente allein dem Zweck der Bunkerhaltung für den teuren Stoff. Auf die Schliche kam ihm das Drogendezernat, weil ein Frankfurter Abnehmer vor Gericht geplaudert hatte. Bei einer Hausdurchsuchung im März 2011 konnte die Polizei mehr als elf Kilo Heroin sowie 896 Gramm Kokain und 483 Gramm Haschisch sicherstellen. Der Prozess vor dem Darmstädter Landgericht hatte sich so lange verzögert, weil sich der Gesuchte nach Belgien abgesetzt hatte. Seit der Auslieferung im März sitzt er in Untersuchungshaft. Mit dem Urteil – juristisch korrekt wegen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge – liegt der Vorsitzende Richter Marc Euler noch über der Einschätzung von Staatsanwalt Joachim Wiese, der vier Monate weniger gefordert hatte. Bei Strafprozessen kommt das eher selten vor. Im Gegensatz zum Ankläger sieht Euler bei dem Marokkaner keine Reifeverzögerungen zur Tatzeit, damit ist für ihn eine Haft nach Jugendstrafrecht allein schon Zugeständnis.

Euler konstatiert streng: „Wir haben von diversen Zeugen gehört, wie Sie sich verhalten haben. Sie haben eigenverantwortlich Preisnachlässe gegeben oder Kredit gewährt, und Sie haben ohne Sprachkenntnisse eine Wohnung unter falschem Namen gemietet. Das entspricht nicht dem Verhalten eines Jugendlichen.“ Trotz fehlender Vorstrafen sei die beträchtliche Menge maßgebend, dies auch noch in Form einer der gefährlichsten Drogen. Rechtsanwalt Nils Dick zeigt sich nach Prozessende entsetzt über das Urteil. Er kündigte Revision an. Seiner Meinung nach hat sich sein Mandant nur der Beihilfe schuldig gemacht. Dafür hatte er lediglich ein Jahr und acht Monate Jugendarrest auf Bewährung gefordert.

Nachdem D. die ersten zwei Verhandlungstage geschwiegen hatte, ließ er am letzten Tag über seinen Verteidiger eine Erklärung verlesen: „Ich wurde als eins von zehn Geschwistern in Marokko geboren. Nach der dritten Klasse musste ich die Schule verlassen, um Geld zu verdienen: Ich musste in einem Restaurant von sieben Uhr morgens bis Mitternacht Kartoffeln schälen, dass Geld wurde mir von der Familie abgenommen.“ Mit 18 sei er nach Spanien zu einem älteren Bruder ausgewandert. Weil er dort aber keine Arbeit fand und es Streit in den beengten Wohnverhältnissen gab, sei er Ende 2010 nach Offenbach weiter gezogen – auf Empfehlung eines Bekannten: „Dort wohnen viele Marokkaner, dort findest du einen Job!“ Doch die Arbeit sei abermals ausgeblieben. Tageweise übernachtete er bei verschiedenen Bekannten, weder der deutschen noch der englischen Sprache mächtig, ohne Berufsausbildung und Perspektive.

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So verteidigt Dick den Absturz ins Drogenmilieu: „In dieser Situation sprach ihn ein Landsmann an, bot ihm eine Übernachtungsmöglichkeit an der Bismarckstraße, die er unter gefälschter Identität anmieten sollte. Mit dem Mietvertrag half ihm wiederum ein Bekannter.“ Von Anfang an sei ihm bewusst gewesen, dass dies ein Lagerort für Drogen war. Aber er sei jung, unerfahren und in einer Zwangslage gewesen. „Allein die lange bisherige Zeit in Haft hat ihn geläutert. Er hat sich nach der Tat bereits in Belgien eine Existenz aufgebaut, eine Freundin gefunden und eine Malerlehre begonnen. Ich halte eine Freiheitsstrafe für unnötig“, so der Anwalt. Letztere bleibt jedoch trotz Einlegens der Revision erstmal erhalten, denn Richter Euler ordnet wegen Fluchtgefahr die Fortdauer der U-Haft an. In seinem letzten Wort bestätigt D. die Anschuldigungen und beteuert mehrmals, dass er seine Taten zutiefst bereue.

Obwohl ein bandenmäßiges Vorgehen nahe lag, konnte dafür von Staatsanwaltschaft und der zweiten Strafkammer keine zweifelsfreien Beweisführung erbracht werden. Das hätte das Strafmaß weiter erhöht. Ein Teil von D.s Familie, nämlich fünf Brüder, zwei Cousins und ein Onkel, sollen im Heroinhandel tätig gewesen sein. Während einer der Brüder und ein Cousin zu Haftstrafen verurteilt wurden, sind den Ermittlern die Namen der restlichen Brüder bislang nicht bekannt.

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