Landser, Schupos und Agenten

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Bieberer Straße / Ecke Kopernikusstraße: Einst war hier die Bataillons des Infanterieregiments 168 stationiert. Heute finden Offenbacher dort die Angebote eines Discounters.

Offenbach - Hans-Peter Koller hat geforscht. In deutschen Archiven und in Archiven der amerikanischen Armee ging der Hobby-Historiker der wechselvollen Geschichte der „Maschinengewehr-Kaserne“ am Bieberer Berg nach. Ihre Gebäude haben erst in jüngster Zeit einem Discounter-Markt weichen müssen.

Die Rede ist von dem Areal an der Ecke Bieberer Straße und Kopernikusstraße. Es wurde 1912/13 in der ehemals Bürgeler Gemarkung bebaut für die neu aufgestellte Maschinengewehr-Kompanie eines in Offenbach stationierten Bataillons des Infanterieregiments 168. In der Heimatkaserne des Bataillons, die heute an der Bieberer Straße als Finanzamt genutzt wird, war für neue Einheit kein Platz mehr.

1912/13 entstand eine Kaserne für die neu aufgestellte Maschinengewehr-Kompanie eines in Offenbach stationierten Bataillons des Infanterieregiments 168.

1920, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, zogen dort für einige Wochen französische Besatzungstruppen ein. „82 eiserne Bettstellen“ musste die Stadt dafür zur Verfügung stellen. Koller hat ermittelt, dass die Franzosen damals Offenbach mit insgesamt „750 Mann und 150 Pferden“ in Gewalt hatten.

1926 bezog hessische Bereitschaftspolizei das Areal. Polizei-Unterkunft blieb es dann auch unterm Hakenkreuz - bis 1945 die Amerikaner kamen. In Vier-Wochen-Lehrgängen bildeten sie dort politisch unbescholtene Männer aus Stadt und Kreis Offenbach für den Aufbau einer neuen, einer demokratischen Polizei aus. Doch das war nur eine von vielen, oft nur kurzfristigen Nutzungen durch die US-Armee.

Die amerikanischen Nutzer wechselten häufig. Zeitweise hatten dort Transport- und Versorgungseinheiten ihren Stützpunkt. Militärpolizei rückte vom Bieberer Berg zu Einsätzen im Frankfurter Bahnhofsviertel aus. Die Offenbacher Kaserne beherbergte zivile Mitarbeiter der Rhein-Main Airbase. Später zogen geheime Abhörkommandos ein, die von hier mit technischem Gerät an die Grenze zur DDR fuhren. Agenten der Spionageabwehr unterhielten Büros in der MG-Kaserne. Sie erlebte Dienststellen der amerikanischen Zollfahndung und wurde als Warenlager genutzt.

Es wird hier und da noch ältere Danen geben, die sich daran erinnern, in jungen Jahren im Unteroffiziers-Club in der Gaststätte „Hundedressurplatz“ zum Tanz gewesen zu sein. Das alles endete, als 1992 zum letzten Mal die Fahne mit den Sternen und Streifen eingeholt wurde. Danach zog wieder einmal die Offenbacher Polizei ein.

Sie blieb nicht lang. 2004 hob das Land Hessen den Denkmalschutz auf, unter dem Teile des Areals gestanden hatten. Damit konnte der Staat das Areal gewinnbringend verkaufen, das er 1912 für 25000 Mark erworben hatte.

Koller hat das alles dokumentiert und kommentierend in die historischen Zusammenhänge eingeordnet: Baupläne, Fotos, Aktenauszüge, Presseartikel, private und amtliche Korrespondenzen. Es ist eine umfassende Sammlung, zu einem stattlichen Band gebunden. Einsehen kann man sie im Offenbacher Stadtarchiv. In den Buchhandel kommen die wenigen Exemplare nicht. Aber man wird Hans-Peter Koller eine verdienstvolle Leistung bescheinigen. Sie wird manchem von Nutzen sein, der sich mit Offenbacher Stadtgeschichte beschäftigt.

Bei seinen Recherchen stieß Koller auch auf den ihm offenbar bis dahin unbekannten Offenbacher Admiral Erhard Schmidt, einen Flottenführer, der am Ende des Ersten Weltkriegs durch Operationen in der Ostsee berühmt wurde. Einen Bericht über Schmidt nahm Koller in den Anhang auf. Er bringt in Erinnerung, dass Offenbach seinen Seehelden einst durch Benennung einer Parkanlage an der Mainstraße ehrte. Pazifistischer Überschwang hat den „Admiral-Schmidt-Park“ 1945 entmilitarisiert. Seitdem heißt er „d'Orville-Park“ Wobei die meisten Offenbacher mit dem neuen Namen vermutlich ebenso wenig anfangen können wie mit dem gelöschten alten...

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