Landtags- und Bundestagswahl

Straßenwahlkampf: Unterm Regenschirm vereint

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Ring frei mit Tarek Al-Wazir (Grüne) im Boxclub.

Offenbach - Beim Einkaufsbummel durchs Zentrum ist es kaum zu übersehen: Eine Woche vor der Landtags- und Bundestagswahl herrscht Straßenwahlkampf. Und die Parteien sind da – die großen wie die kleinen. Von Harald H. Richter

Unweit von Schwarzwurzeln und Rotkohl sind sämtliche politische Farben vertreten. Sie locken mit allerlei Aufmerksamkeiten an ihre luftballonverzierten Stände, verteilen gedruckte Wahlversprechen und reichlich Streuartikel.

Eingedenk der Redewendung „Mit Speck fängt man Mäuse“ setzen die Wahlkämpfer parteiübergreifend auf Naschwerk in Tütchen. Das geht immer. Die Sozialdemokraten bringen rote Fruchtgummiherzen an Mann und Frau, die Linke verabreicht nicht etwa besonders dunkelrote Bärchen, sondern zweifarbige Bio-Würmchen, und kein politischer Gegner macht sie deswegen madig. „Auf Rot/Grün kann man verzichten“ sind die Liberalen überzeugt und bieten dem Wahlvolk ausnahmslos gelbe Mini-Smileys zum Kauen.

Der Grünen-Werbegag

Prickelnder hingegen ist der Grünen-Werbegag: Brausepulver in gleich mehreren Farb- und Geschmackrichtungen. Ein Schelm, wer da an wechselnde Koalitionsoptionen denkt. Die Freien Wähler sehen sich zum Wohl Hessens mit der energiegeladenen Kraft der Dextrose am besten aufgestellt, hoffen aber vor allem darauf, unentschlossene Wähler inhaltlich überzeugen zu können.

Fließender Übergang der lokalen Wahlkämpfer (von links): Piraten, Sozialdemokraten, Linke und Christdemokraten.

Parteistrategen haben mitunter zündende Werbeideen im Köcher – wie die Linke, die Einwegfeuerzeuge unter die Leute bringt. Heike Habermann, die sich für die Offenbacher SPD um ein erneutes Landtagsmandat bei gleichzeitigen Ambitionen aufs Kultusministerium bemüht, verteilt Vergissmeinnicht-Samentütchen, auf dass der Blumenflor im nächsten Jahr reichlich gedeihe. An der Ecke Marktplatz/Frankfurter Straße charmieren in Sichtweite zwei Brillenträger mit dem gleichen Werbegag: Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) garantiert Passanten den richtigen Durchblick mit Brillenputztüchern im Hosentaschenformat. Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) setzt im Sinne klarer Sicht ganz auf Reinigungsvliese aus Mikrofaser mit aufgedrucktem Konterfei.

Bündnis-Grüne und Piraten haben zwar kein Geld zu verschenken, immerhin aber münzgroße Einkaufswagen-Chips. Der Verteilungskampf geht weiter am Stand der Freien Wähler. Dort sucht Landtagskandidatin Annette Schroeder den Dialog mit Passanten und lässt gelbe Rosen sprechen.

Auf Straßenwahlkampf

Auf Straßenwahlkampf – selbst bei Regen – kann und will keine politische Gruppierung verzichten, ebenso wenig wie auf Hausbesuche und klassische Wahlversammlungen zu unterschiedlichen Themen. Jungwähler hingegen erreichen die Parteien nach eigenem Bekunden inzwischen besser über soziale Netzwerke, Webauftritte und spannend-kontroverse Podiumsdiskussionen an weiterführenden Schulen. Eine große Koalition der Bewerber um ein Landtagsmandat hält insbesondere diese Form des Dialogs mit jungen Menschen für „gegenseitig befruchtend“ und ein geeignetes Mittel, um politisches Bewusstsein zu schärfen beziehungsweise – wo es noch schlummert – zu wecken. „Schön wäre, wenn es in Offenbach gelänge, künftig eine große Diskussionsrunde von mehreren Schulen gemeinsam auf die Bühne zu bringen“, äußert Stefan Grüttner einen Wunsch.

Ähnlich wie der CDU-Politiker hält es Heike Habermann nach wie vor für wichtig, beim Klinkenputzen und im Straßenwahlkampf auf die Menschen zuzugehen und die politischen Botschaften zu vermitteln. Obwohl – was immer wieder der Fall ist – dabei die von den Passanten angesprochenen Themen kunterbunt durcheinander gehen. Hauptsache, sie haben einen Parteioberen vor sich, dem sie ihr Anliegen vortragen können. Das Spektrum reicht von lokalen Wehwehchen über gerade in der Region drängende Probleme (Airport-Ausbau, Fluglärmbelastung) bis zur Frage von Bundeswehreinsätzen im Ausland, Währungskrise und Mindestlohn.

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