Langes Warten auf neue Strukturen

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Der Pfeil zeigt weder auf- noch abwärts. Die Zahlen zum Öffentliche Personennahverkehr in der Stadt bleiben konstant. Allein diejenigen Nutzer, die sich jetzt schon mit Bussen und Bahnen wie hier vom zentralen Knoten Marktplatz fortbewegen, nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel noch häufiger als früher.

Offenbach - Mehr Fahrgäste in den Bussen und Bahnen, ein konstantes Defizit und eine weiterhin komplizierte Verflechtung innerhalb des Rhein-Main-Verkehrsverbunds: Die Bilanz zum Nahverkehr in Offenbach 2011 offenbart keine Überraschungen, verschweigt aber auch nicht die Probleme eines Zuschussbetriebs, auf den keiner verzichten kann und will. Von Fabian El Cheikh

Was Kunden neben den wieder mal gestiegenen Fahrpreisen am stärksten unter den Nägeln brennt, sind nach wie vor Pünktlichkeit und Service in den Linienbussen der Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB).

Problem Nummer eins: die (Un-)Pünktlichkeit. Obwohl seit langem bekannt, wird’s nicht besser, im Gegenteil: Immer mehr Busse im innerstädtischen Linienverkehr verlassen zu früh die Haltestellen (13 Prozent; im Vorjahreszeitraum waren es noch drei Prozent gewesen). Den selbst gesetzten Standard, maximal drei Prozent Toleranz einzuhalten, haben die Nahverkehrsplaner damit bei Weitem nicht erreicht.

Dass dieser Übereifer der Busfahrer zurecht Kunden vergrätzt, weiß Anja Georgi, die Geschäftsführerin der Offenbacher Nahverkehrsgesellschaft NiO, genau. „Es gibt nichts Schlimmeres, wenn man nur noch die Rücklichter des Fahrzeugs sieht, obwohl man pünktlich an der Haltestelle war“, sagte sie gestern bei der Vorstellung des zweiten Mobilitätsberichts im Rathaus, dieses Mal mit allen relevanten Zahlen und Fakten zum Jahr 2011. „Hier ist die Disziplin der Fahrer gefordert.“

Da ist es für die Verantwortlichen bei der NiO durchaus ein kleiner Trost, dass die Verspätungen, die in der Regel der Witterung und der Verkehrslage geschuldet sind, spürbar zurückgingen: Nach 87 Prozent im Vorjahr starteten 2011 immerhin 93 Prozent aller Busse, die nicht zu früh losfuhren, exakt nach Fahrplan beziehungsweise innerhalb der zugestandenen Fünf-Minuten-Toleranz. Hier darf der Haken in der Bilanztabelle unter „erfüllt“ zweifelsohne gesetzt werden.

Problem Nummer zwei: die Freundlichkeit der Busfahrer. Ein Punkt, der für Anja Georgi neben der Pünktlichkeit wesentlich für die Qualität des ÖPNV in Offenbach ist. Auch hier sieht die NiO-Geschäftsführerin noch Handlungsbedarf. „Wir führen halbjährliche Bewertungen durch und wollen in diesem Zusammenhang auch mit dem Fahrgastbeirat in diesem Jahr stärker zusammenarbeiten.“ Wichtig sei, dass sich die Kunden meldeten, „nur dann wissen wir, was wir besser machen müssen“. Klar ist aber auch: Neue Fahrer gibt es bei den OVB schon lange nicht mehr. Eingestellt wird nur noch bei der Tochter Mainmobil. Bleibt abzuwarten, ob sich an Benehmen und Fahrstil der Chauffeure angesichts der dortigen Arbeitsbedingungen und Löhne (wir berichteten) viel ändern wird.

Problem Nummer drei: die Sauberkeit. Die stieg zwar um zwei Prozentpunkte an, nicht zuletzt deshalb, weil die OVB eine neue Reinigungsfirma beauftragt hatten. Allerdings bezieht sich der Wert von 97 Prozent Sauberkeit auf den Zustand der Busse vor der Ausfahrt aus dem Depot. Wie Fahrgäste diese im Laufe des Tages wahrnahmen, steht auf einem anderen Blatt: Regelmäßige Kundenbefragungen erbrachten jedenfalls keine Zahlen, auf die man bei der NiO besonders stolz sein dürfte. Ähnliches gilt für die einzelnen Haltestellen.

Problem Nummer vier: die Informationen zum Fahrplan. Wenn der gestresste Pendler nach einem langen Arbeitstag zu S-Bahn oder Bus eilt, möchte er so bald wie möglich erfahren, ob er sich vielleicht doch mehr Zeit lassen kann. Unverständliche oder fehlende Ansagen über Ausfälle und Verspätungen sowie die Art der Infoaushänge an den Haltestellen lassen offenbar noch Raum für Verbesserungen. Die Zufriedenheit der befragten Fahrgäste lässt aus Sicht der NiO jedenfalls zu wünschen übrig.

Problem Nummer fünf: die Fahrpreise. Auch nach Einführung der neuen Stadttarife ist die Mobilität innerhalb Offenbachs nicht billiger geworden. Bemängelt wird die Tarifstruktur seit Jahren auch von der Stadt und selbst die NiO ist nicht glücklich darüber. Um etwa den Zonensprung zwischen Offenbach und Frankfurt abzumildern, hätte die Stadt, berichtet Bürgermeister Peter Schneider, jährlich eine Million Euro mehr an den RMV abdrücken müssen. „Davon haben wir aus bekannten finanziellen Gründen Abstand genommen, auch deshalb, weil wir auf die Einführung der neuen entfernungsabhängigen Tarife setzen.“ Diese sollen laut Anja Georgi zum Fahrplanwechsel 2015/2016 kommen. Viele Kunden warten sehnsüchtig darauf.

Bei diesem Anlass soll auch die Gesamtfinanzierung des Nahverkehrs in dem komplexen RMV-Konglomerat aus 27 Vertragspartnern neu strukturiert werden. Und das nicht von ungefähr: Schon einmal drohte das Land Hessen mit einer Kürzung der öffentlichen Mittel für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) um 20 Millionen Euro, war dann aber noch einmal zurückgerudert. Das Signal ist angekommen: Die Kommunen müssen sich darauf einstellen, dass künftig nicht mehr immer neue Millionen in den strukturell defizitären Betrieb mit Bussen und Bahnen fließen werden. Neue Ideen sind gefragt. Auch mit Blick auf das im Vergleich zum Vorjahr ähnlich hohe Defizit von 5,91 Millionen Euro, das wie immer die NiO-Mutter Stadtwerke Holding ausgleichen muss.

Erfreulich aus Sicht des NiO, dass diejenigen, die den ÖPNV nutzen, dies auch immer häufiger tun. So stieg der Anteil der Nutzer, die an einem bis vier Tagen in der Woche öffentliche Verkehrsmittel nutzen, von 20 auf 25 Prozent. Insgesamt ist die Zahl der Fahrgäste jedoch weitgehend konstant geblieben.

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