Langzeitarbeitslosen soll ein Licht aufgehen

Offenbach ‐ Roland Braun ist ein Offenbacher Hartz IV-Empfänger, der erhobenen Hauptes durchs Leben geht. Außer für ein paar Stunden am Tag. Mit einem angekratztem Selbstbewusstsein, das man jedem vom Arbeitsmarkt verstoßenen 51-Jährigen zugestehen müsste, hat Brauns gesenkter Blick allerdings auch dann nichts zu tun. Von Marcus Reinsch

Steckdosen sind nunmal meist auf Schienbeinniveau montiert. Und an die Stromquellen muss Braun ran, um seine Aufgabe als einer von zwölf Energielotsen erfüllen zu können, die ihre Mission im Januar begonnen haben.

Braun hat keinen Arbeitsplatz im klassischen Sinn. Der gelernte Radio- und Fernsehtechniker ist ein Ein-Euro-Jobber in Diensten der Carijob gGmbH. Die gemeinnützige Tochter des hiesigen Caritasverbandes setzt das Projekt „Energiesparservice für einkommenschwache Haushalte“ im Auftrag der Mainarbeit um. Die Idee aus dem für Langzeitarbeitslose zuständigen Jobcenter: Geschulte Hartz-IV-Empfänger beraten ungeschulte in deren Behausungen beim Energie- und Wassersparen.

Davon hat im Idealfall jeder etwas: Die Beratenen, weil sie weniger Strom und Warmwasser von 359 Euro Hartz IV bezahlen müssen. Die Stadt, weil sie weniger Heizkosten für Arbeitslose und ihre Familien übernehmen muss, falls die lernen, das Fenster lieber fünf Minuten ganz statt drei Stunden einen Spaltbreit zu öffnen. Und Mutter Natur, weil weniger Energieverbrauch weniger Treibhausgas bedeutet. „Sozial- und Umweltpolitik zusammenbringen“ nennt das Bürgermeisterin Birgit Simon.

Speziell für die Arbeit vor Ort geschult

Den Energielotsen selbst - alle zwischen 45 und 60 Jahre alt und mit handwerklichem oder technischem Berufshintergrund - soll ihr Engagement auch etwas sparen: die Erfahrung, für immer arbeitslos zu bleiben. Die Qualifiziertesten können sich Chancen auf ein kurzes Studium an der Technischen Hochschule Darmstadt ausrechnen, an dessen Ende sie Energieberater sind. Und das, betont Offenbachs Umwelt- und Energieamtschefin Heike Hollerbach, sei dann nicht nur ein anerkannter Beruf, sondern ein zukunftssicherer.

Auch für die Energiesparinitiative Offenbach beispielsweise sind Energieberater tätig. Sie erklären Häuslebauern und -besitzern, wie sie ihre Domizile geldbeutel- und umweltschonend bauen oder dämmen, stellen den für Verkauf oder Vermietung vorgeschriebenen Energiepass aus, kennen alle Fördertöpfe.

Ganz so tief reicht das Wissen der Energielotsen nicht. Sie sind seit September speziell für die Arbeit vor Ort geschult worden. In Grundlagen der Messtechnik, Messung des tatsächlichen Energieverbrauchs eines Haushalts, Berechnung des Einsparpotenzials, vielem mehr. Und in der korrekten Deutung der Verbrauchsrechnungen, die als Grundlage für den „individuellen Energiesparplan“ dienen. „Das Lesen von EVO-Rechnungen ist ja gar nicht so einfach“, sagt Carijob-Geschäftsführer Bernd Bleines.

Lektionen hat das erste Energielotsen-Dutzend auch in Sachen Kommunikationskunst durchlaufen. Das war wichtig. Einem Menschen „im Befehlston“ Energiesparmaßnahmen aufzuerlegen wäre Energieverschwendung, meint Braun. Angebracht sei „eine harmonische Atmosphäre“. Zumal, wie Mainarbeit-Geschäftsführer Matthias Schulze-Böing betont, die Beratung freiwillig sei. Schmankerl: Für die ersten 300 „Kunden“, wie Braun sie nennt, gibt es Energiesparlampen, Sparduschköpfe und anderes gratis. Das Einsparzubehör erspare zwar nicht eine Veränderung im „Nutzungsverhalten“, aber immerhin ein paar Euro.

Weitere Infos unter carijob.de

98,41 Euro pro Jahr beispielsweise in einer 76 Quadratmeter-Wohnung mit drei Bewohnern, in der alle Glüh- gegen Energiesparlampen ausgetauscht und der Standby-Betrieb von Elektrogeräten mit Steckdosenleisten abgestellt wurde. Unter anderen Vorzeichen steht natürlich eine andere Summe unterm Strich. Aber niemals ein Minus für den Beratenen. Dafür wird geworben, das spricht sich herum. Und bis März hat folgerichtig kein Energiesparlotse mehr einen Termin frei.

Rubriklistenbild: © dpa

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