Laut „bäh!“ rufen ist verboten

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Rigatoni Spinaci oder Reis mit Hühnerfrikassee? In der Kantine von Dorotha Gren (rechts) stehen immer zwei Mahlzeiten zur Auswahl.

Offenbach - Nur noch die Spur aus Reiskörnchen, die sich unter den grauen Tischen der Schulkantine entlang schlängelt, lässt erahnen, dass hier bis vor wenigen Augenblicken knapp 20 Kinder ihr Mittagessen verputzt haben: Hühnerfrikassee mit Reis. Von Katharina Hempel

Zwar stehen auch Rigatoni Spinaci auf dem Speiseplan der Mathildenschule. Doch das farbenfrohe Menü aus Pasta, die auf der Zunge zergeht, roten Kirschtomaten, gelben Paprikastückchen und Spinat kann die kleinen Leckermäuler mit seiner Optik heute nicht für sich gewinnen. Sie wählen lieber das in blassen Farben gehaltene Frikassee. Dessen zart grüne Erbsen kullern auch gern mal lustig von den Tellern und zermatschen unbemerkt unter dem Arm des Sitznachbarn.

Vier bis 14 Jahre alt sind die 151 Kinder, die jeden Tag in der Schulkantine essen. Da sind nicht nur die Mathildenschüler dabei. Auch Gruppen der angrenzenden Kitas oder deren Horte bekommen hier unter der Woche zur Mittagszeit ihr Essen. „Wir bereiten täglich 180 Mahlzeiten zu, denn es gibt immer ein paar Kinder und Lehrer, die unregelmäßig zu uns kommen. Die zahlen 3,30 Euro für das Mittagsmenü, wer jeden Tag kommt, zahlt 55 Euro im Monat“, erklärt Dorotha Gren. Seit Mai bewirtet sie die Kantine - als Ich-AG. Unterstützung bekommt sie von ihren Angestellten Katharzyna Tuz und Katharzyna Komolowska.

„Mittlerweile sind wir zu klein“, klagt Schulleiter Oliver Schröder. „Die Sanierung und Erweiterung, die uns die Stadt zugesagt hat, ist dringend notwendig. Sonst ist die Anzahl der Esser, die hier bewältigt werden muss, bald nicht mehr zu schaffen.“ Schon jetzt wird in der Kantine der Mathildenschule in Schichten gegessen.

Die nächste Horde, die sich an der Essensausgabe drängt, ist die 2a. Während sich 22 Kinder noch quetschen, huscht Nummer 23 zu seinem Sitzplatz und vertauscht vorsorglich den pinken mit einem blauen Becher. Schon zappeln sich auch seine Klassenkameraden auf ihren Stühlen zurecht und gießen sich Wasser oder Tee ein.

In der Kantine gibt es nur zuckerfreie Getränke wie Tee oder Wasser

„Limonade gibt’s nicht. Die hat zu viel Zucker, und der tut uns nicht gut“, sagt Ceyda. „Der macht uns dumm, aber wir müssen nachher ja noch arbeiten“, stellt ihr Klassenkamerad Moses klar. Die Kantinenbetreiber geben nur zuckerfreie Getränke wie Tee oder Wasser aus.

Ob Linsensuppe, Tortellini in milder Käsesauce oder die Asiatische Gemüsepfanne - das Essen liefert einmal wöchentlich die Firma Apetito aus dem westfälischen Rheine. „Die bieten immer wieder neue Sachen an, haben auch viele zertifizierte Biogerichte und laktosefreie oder vegetarische Kost im Programm“, sagt die Kantinenchefin. Seit August hat Dorotha Gren auch noch mehr Gemüse in den Speiseplan geschrieben. Am Anfang machten die Kinder „iii“‘ und „äää“, erinnert sie sich, aber jetzt essen sie das gerne.

Die heutige Lieblingsspeise der 2a: ganz klar, das Frikassee. Alle finden’s gut und lecker. Und zwar „eigentlich immer“. Und wenn nicht? „Laut ,bäh’ sagen oder ,iiih’ rufen darf man nicht“, weiß die siebenjährige Seyma und piekt weiter Nudeln auf ihre Gabel. „Dann wollen die anderen auf einmal auch nicht mehr essen, aber ,ich möchte nicht’ oder ,schmeckt mir nicht’, das kann man sagen“, sagt Seyma. Beispielsweise über ihre Tomaten. Die landen nämlich im Müll.

„Doch für jede Kultur kann man kein Essen anbieten“

Die Mathilden-Kantine bietet täglich zwei Gerichte an, eins mit Fleisch und ein gleichwertiges, aber vegetarisches. „Doch für jede Kultur kann man kein Essen anbieten“, meint Erzieherin Ursula Andres, die die Zweitklässler in die Schulkantine begleitet. Aber da seien die Kinder ganz unprätentiös und sagen „zuhause gibt’s auch nicht drei Gerichte zur Auswahl“.

Wer Teller und Besteck weggebracht hat, dem stellt die Erzieherin den Nachtisch hin. Rote Grütze mit Vanillesauce. Kirschen und Johannisbeeren kleben in einer Art Gelee auf dem ein Vanillewölkchen schwebt. Moses verrührt alles miteinander, bevor er sich den ersten Löffel in den Mund schiebt. Mit der cremigen Sauce neutralisiert er die säuerlichen Früchte. Dann ist’s gut: „Lecker!“

Die geschmacklichen Urteile der anderen Siebenjährigen reichen von „süß, aber ein bisschen sauer“ bis „viel zu sauer“. Sobald sie die Vanillesauce weg genascht haben, haben einige auf einmal gar keinen Hunger mehr auf Dessert.

Seyna aber hat sich bis zum Boden der Nachtischschüssel gelöffelt. Schnell kratzt sie noch den Rest der Grütze weg, dann rennt auch sie nach draußen, wo die anderen schon auf dem Klettergerüst spielen und Kantinen-Kalorien abarbeiten.

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