Lauter Protest der Roländer in Wiesbaden

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„manroland“-Mitarbeiter vor der Staatskanzlei.

Wiesbaden/Offenbach - Vor der Staatskanzlei und dem hessischen Wirtschaftsministerium machten etwa 1000 Mitarbeiter des insolventen Druckmaschinenherstellers „manroland“ aus Offenbach ihrem Unmut über die aus ihrer Sicht untätige Landesregierung mit Trillerpfeifen lautstark Luft. Von Marc Kuhn

Ohrenbetäubender Lärm hallte gestern durch die Innenstadt von Wiesbaden. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut“, erscholl es immer wieder aus den Kehlen. Die Roländer wollten Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) auf die prekäre Lage der Firma aufmerksam machen. Ihre Kollegen im sächsischen Plauen hatten sich zu einem Protestzug unter dem Motto „Kein schwarzer Freitag für ,manroland’“ zusammengefunden.

Gestern lief die Frist ab, bis zu der mögliche Investoren ihre Angebote für das zahlungsunfähige Unternehmen abgegeben konnten. Insolvenzverwalter Werner Schneider könnte dem Vernehmen nach bereits am Montag seine Entscheidung über die Zukunft der rund 6500 Mitarbeiter in Offenbach, Augsburg und Plauen bekannt geben. Immer wahrscheinlicher wird eine Zerschlagung des Konzerns. Es werde eher „getrennte Lösungen“ für die drei deutschen Standorte Offenbach, Augsburg und Plauen geben, wurde aus Finanzkreisen berichtet. Für alle drei Werke gebe es ernsthafte Interessenten. Als ein aussichtsreicher Kaufinteressent wurde ein deutscher Investor genannt - chinesische Interessenten seien aus dem Rennen. Ende November hatten die Eigentümer des Druckmaschinenbauers, Allianz und MAN, den Geldhahn zugedreht. Deshalb war das Unternehmen in die Insolvenz gerutscht.

Mit 20 Bussen im strömenden Regen

Mit 20 Bussen hatten sich die Roländer am Freitagmorgen im strömenden Regen auf den Weg in die Landeshauptstadt gemacht. Das Wetter passte zur Stimmung - die sei sehr getrübt, sagte Peter Pfendt, Betriebsratsmitglied und Vertrauensmann für Schwerbehinderte bei „manroland“. Im Bus versorgte er seine Kollegen mit grellen Sicherheitswesten, roten IG-Metall-Kappen und den Trillerpfeifen - alles, was man eben so braucht, um Aufmerksamkeit zu erwecken. Es wäre ihm am liebsten, wenn alle Standorte erhalten blieben, erklärte Pfendt. „Wenn wir als Offenbacher für uns bleiben, hätten wir kein Problem damit“, sagte er zu einer möglichen Zerschlagung. Die Demonstration in Wiesbaden sei der letzte Versuch auf sich aufmerksam zu machen, meinte Klaus Seidel, der seit 22 Jahren bei dem Druckmaschinenbauer arbeitet.

Alles zur Krise des Unternehmens „manroland“ lesen Sie im Stadtgespräch

So trugen die Roländer dann auch ein großes Plakat vor sich her durch die Straßen von Wiesbaden, dessen Schriftzug ihr Anliegen auf den Punkt bringt: „Helft uns endlich in der Not - Geld her oder manroland ist tot!“ Immer wieder warben die erste Bevollmächtigte der IG Metall Offenbach, Marita Weber, und Alexandra Roßel, Vorsitzende des Betriebsrats von „manroland“ in Offenbach, auch bei den Bürgern für die Belange der vom Jobverlust bedrohten Kollegen. Etwa 1900 Arbeitsplätze seien in der Lederstadt in Gefahr, rief Weber den Passanten zu. Sie forderte die Landesregierung auf, „sich endlich für ,manroland’ einzusetzen“. Diese müsste aus ihrem Winterschlaf aufwachen, verlangte Roßel. In Bayern und Sachsen habe sich mehr bewegt, kritisierte Weber. Roßel mahnt Bürgschaften an. Die Gelder werden nach ihren Worten sowohl für die Transfergesellschaft benötigt, in die entlassene Mitarbeiter wechseln müssen, wie auch für den Plan B, falls kein Investor fristgerecht bis Ende Januar in das insolvente Unternehmen einsteigt.

„Die Zeit der Schlafmützigkeit muss vorbei sein“

Vor der Staatskanzlei stimmte Ernesto Schwarz, der sich selbst als Demo-Gitarristen bezeichnet, die Roländer mit seinen Liedern auf die Veranstaltung ein. „Die Zeit der Schlafmützigkeit muss vorbei sein“, verlangte Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel, als er auf einem zum Podium umfunktionierten Lastwagen sprach. Die Eigentümer sollten ihre Verantwortung übernehmen. Aber: „Die Politik darf nicht außen vor gelassen werden.“ Die Zukunft von „manroland“ sollte in Hessen ebenso wie in Bayern und Sachsen zur Chefsache des Ministerpräsidenten gemacht werden. Das Unternehmen sei „als größter Industriestandort systemrelevant für Offenbach“. Deshalb müsse die Bürgschaftsfrage offensiv gelöst werden. Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Linken im hessischen Landtag, erklärte: „Es geht um den Industriestandort Offenbach. Der muss erhalten bleiben.“

„Das hier ist kein Spiel. Hier geht es um 2000 Familien“, erklärte Armin Schild, IG-Metall-Bezirksleiter für Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. „Sie haben einen Anspruch darauf, dass sich die Landesregierung um ihre Zukunft kümmert.“ Diese setze aber andere Prioritäten. Für den Wirtschaftsminister sei die Fusion der Börsen in Frankfurt und New York wichtiger als die Arbeitsplätze in Offenbach. Auch Schild forderte Bürgschaften für „manroland“.

Die hessische Landesregierung aufgeweckt?

„Ich hoffe, dass wir mit dem Lärm die hessische Landesregierung aufgeweckt haben“, sagte Betriebsratschefin Roßel. Diese habe sich seit der Insolvenz „nur zurückgelehnt“. Auf Arbeitsebene sei versichert worden, einen Antrag auf Bürgschaften wohlwollend zu prüfen. „Das dauert. Zeit, die wir nicht haben.“

Von der Staatskanzlei zogen die Roländer durch die Innenstadt vor das Wirtschaftsministerium. Mit den Trillerpfeifen und Sprechchören machten sie immer wieder auf ihre Nöte aufmerksam. „Die Landesregierung darf uns nicht im Regen stehen lassen“, verlangte Roßel. Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider stieß schließlich zu dem Protestzug. „Ich erwarte vom hessischen Ministerpräsidenten, dass er ,manroland’ zur Chefsache macht“, erklärte Schneider vor dem Wirtschaftsministerium. „Am Ende werden wir siegen.“

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