Junge Offenbacher Künstlerin erklärt im 1822-Forum den Galeristen Max Pauer zu Kunst

Ein Leben in Raufaser versteckt

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Stecknadel in halbem Streichholz in halber Salzstange in halbem Bleistift: Diese filigrane Arbeit soll dem Besucher der Galerie vorgeführt werden. Foto: Jacob Francisco Otter

VON LISA BERINS.

Frankfurt – Gutbürgerlich ist die Galerie eingerichtet – zumindest auf den ersten Blick: Linoleumboden in Holzdielen-Optik, Raufasertapete, eine braune 60er-Jahre-Zimmertür mit Glasfenster, eine Stehlampe mit großem Schirm, ein hölzerner Schreibtisch. Es könnte eine Wohnung von Max Mustermann sein, diese Raum-in-Raum-Installation der Offenbacher Kunststudentin Isabell Ratzinger. Sie hat in den Galerieraum des 1822-Forums einen vermeintlichen Wohn- und Arbeitsraum gebaut, der karg und etwas trostlos wirkt. Es ist ihre imaginierte Lebensumgebung von Max Pauer, dem Galeristen des Forums. Kurz vor der Vernissage fehlt in der Installation „Zimmer um Max Pauer“ noch das Haupt-Exponat: der Galerist selbst.

Während der nächsten sechs Wochen wird Pauer an dem hölzernen Schreibtisch sitzen und arbeiten, so stellt es sich Ratzinger vor. Direkt am großen Fenster, in das die Passanten hineinschauen. „Ich habe ihn aus seinem Rückzugsort geholt und in die Vitrine gesetzt“, sagt Ratzinger. Die 23-Jährige studiert im neunten Semester Experimentelle Raumkonzepte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und hatte sich vor einiger Zeit beim 1822-Forum beworben. Die nicht-kommerzielle Galerie an der Frankfurter Fahrgasse gibt noch nicht etablierten Künstlerinnen und Künstlern die Chance, eine erste eigene Ausstellung zu organisieren und einen Katalog herauszubringen. Eigentlich hatte die Studentin zunächst ein anderes Konzept im Sinn. „Aber dann habe ich gemerkt, dass es hier in der Galerie eigentlich um einen geht: um Max. Um ihn sollte sich dann auch meine Installation drehen.“

Ratzinger habe sich vorgestellt, wie Pauer lebt, wie er seine Zeit verbringt. Die Möbel hat sie bei Ebay-Kleinanzeigen gekauft – denn Pauer sei nicht der Typ, der in einen Laden gehe und sich eine Einrichtung kaufe. „Er übernimmt eher Sachen. Von seinen Eltern zum Beispiel.“ Die Dinge, die Pauer umgeben, haben bei genauem Hinsehen einige Macken: Die Stehlampe neigt sich leicht zur Seite, die Klinke hängt ein wenig schräg an der Tür. Kleine Kunstwerke stehen auf Schränkchen und Hocker – sie entpuppen sich als Teile, die kurzerhand aus den Möbeln herausgesägt wurden. Geflickt wurden die Möbelstücke wiederum behelfsmäßig mit Fasern aus der Raufasertapete. Die Holzspäne sind mit einer Pinzette aus der Wand gezupft und mit Kleister weiterverarbeitet worden.

Es sind die kleinen Makel und Störfaktoren, die in der Vorstellung von Isabell Ratzinger die Welt von Max Pauer bestimmen. Wie zum Beispiel der Krach der alten Nachbarin – auch ihn simuliert die Künstlerin in ihrer Installation. Auf Knopfdruck schabt eine Gabel lautstark über einen Teller, das alles hinter der Wand, an der Pauer an seinem Schreibtisch arbeitet. In der Ausstellung kann der Kurator den Schalter selbst betätigen.

Sie habe die Ausstellung so angelegt, dass Pauer den Besuchern alles zeigen müsse, damit sich das Werk erschließe, erklärt Ratzinger. Vorführen solle der Galerist zum Beispiel auch einen Bleistift, der in zwei Hälften teilbar ist und nach Matroschka-Prinzip sein Innenleben offenbart: eine geteilte Salzstange – typisches Nahrungsmittel auf Vernissagen –, darin ein geteiltes Streichholz und darin eine Stecknadel. Verstecke und geheime Vorgänge, das fasziniert die gebürtige Mainzerin. Auch der Büromensch sei ein reizvolles Thema: Der Gedanke, dass es in der genormten Umgebung des Büros personalisierte Eckchen auf den Schreibtischen gebe, und dass die Kollegen Wege fänden, heimlich miteinander zu kommunizieren, beschäftigt Ratzinger schon seit Längerem.

Sie zieht eine Abbildung aus einem Fensterbriefumschlag heraus, der als eine Art Ausstellungskatalog gedacht ist: Ratzinger hatte für eine Gruppenausstellung Aktenordner so manipuliert, dass Besucher sie als Spionagewerkzeug nutzen konnten. Auch diese Publikation solle Pauer den Besuchern der Galerie vorführen.

Von der Idee, dass er selbst Exponat sein solle, war der Kurator am Anfang nicht sonderlich begeistert, berichtet Ratzinger. Er habe sich erst nach und nach an den Gedanken gewöhnt. Einen Menschen als Kunst auszustellen, das erinnert an Timm Ulrichs Performance „Das erste lebende Kunstwerk“ von 1966 in der Frankfurter Galerie Patio. Künstlerisches Vorbild für Isabell Ratzinger seien aber vor allem die Rauminstallationen des Mönchengladbacher Künstlers Gregor Schneider. Dessen subtiles Spiel mit dem Unheimlichen, mit dem Abgründigen, ist bei der Offenbacher Studentin allerdings kein Thema. Stattdessen versteckt Ratzinger in ihrer Installation eine humor- und liebevolle Betrachtung eines mit Macken gespickten Schreibtischmenschen. Ob diese Fantasien auf Max Pauer zutreffen? Das kann nur das Exponat selbst entlarven.

Ausstellung

„Max Pauer“ bis 22. Februar im 1822-Forum, Fahrgasse 9 in Frankfurt. Geöffnet Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag 13 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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