Vom Leben mit ruiniertem Ruf

Offenbach -

Lehrer sind faule Säcke, Politiker stopfen sich die Taschen voll und Journalisten schnorren sich durchs Leben. Angehörige bestimmter Berufsgruppen können machen, was sie wollen - den schlechten Ruf, der ihnen vorauseilt, hängen sie nicht ab. Missgünstige Mitmenschen, die hartnäckig und böswillig danach suchen, finden stets Belege, um ihre Vorurteile zu untermauern. Und wer dagegen ankämpft, läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen: Was ist schlimmer als ein Lehrer, der mit Leidensmiene erzählt, er habe schon wieder kaum geschlafen, weil er die halbe Nacht mit Korrekturen und Unterrichtsvorbereitungen verbrachte? Wenn er Glück hat, hört ihm keiner zu. Sonst erntet er Spott.

Besser ist, sich in das Schicksal des ruinierten Rufs zu fügen und ungeniert weiter zu leben. Man muss es ja nicht soweit treiben wie jener Zeitgenosse, der bei einer Reise für (eingeladene) Journalisten dadurch auffiel, dass er stets darauf bedacht war, noch irgendetwas einzuheimsen. Das ging den Kollegen derart auf die Nerven, dass sie sich einen Streich für ihn ausdachten. „Ob er schon gehört habe, dass man am Abreisetag den Fernseher aus dem Hotelzimmer mitnehmen dürfe?“, setzten sie ihm einen Floh ins Ohr. Als es soweit war, hatten sich alle anderen Reisejournalisten in der Lobby versammelt und beobachteten schenkelklopfend und prustend, wie die Rezeptionistin den Raffzahn fragte, was er mit dem TV-Gerät vorhabe.

Die beiden Bionade-Flaschen, die ich in der vorvergangenen Woche bei einer Pressekonferenz im Magistratssitzungssaal des Frankfurter Römers für eine Kollegin und mich zum sofortigen Verzehr holte, waren hingegen tatsächlich für uns Journalisten gedacht. Das hielt Matthias Müller, Pressesprecher und Amtsleiter im Offenbacher Rathaus, indes nicht vom Spott ab: „Peinlich, diese Offenbacher“, meinte er.

Der Devise vom ungenierten Leben folgend, riet ich ihm, die Gäste seiner Pressekonferenzen künftig auch etwas opulenter zu bewirten. Dann müsse er sich vielleicht nicht mehr so oft darüber ärgern, wenn auf Wasser gesetzte und deshalb unterzuckerte Journalisten miesepetrige Artikel schreiben, statt Offenbach in jenen leuchtenden Farben zu schildern, in denen die Stadt aus der Perspektive des Rathauses schillert.

Bei der jüngsten Magistratspressekonferenz am Donnerstag setzte der Amtsleiter den Rat in etwas eigenwilliger Manier um: Er hatte zwei (!) Brause-Fläschchen erworben, mit meinem Namen beschriftet und auf der Pressebank platziert. Auf diesem Weg: Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. Bei nächster Gelegenheit werde ich mich daran laben und bitte darum, die Flaschen bis dahin nicht im als Zwischenlager genutzten Frankfurter Schrank aufzubewahren, sondern zu kühlen. Dann schmeckt die Limo besser.

Warum ich sie nicht am Donnerstag getrunken habe? Da war ich bei einem parallel stattfindenden Termin in der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Und ich weiß: Es wäre zwecklos zu beteuern, dass ich dort nicht wegen der zu erwartenden Getränke hingegangen bin.

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