Lunge, Leber, Leichtathletik

Offenbach ‐ Ein Steuermann widersetzt sich mit der ganzen Kraft seiner Muskeln den nicht vorhandenen Winden des Ozeans, ein Hochspringer schwebt in einer dauerhaften Flugphase über der Latte, einige Meter entfernt verharrt eine Frau in einer Flamenco-Figur. Von Veronika Szeherova

Sehr lebendige Dinge tun diese Menschen. Doch sie sind tot. Die Körper sind Teil der Ausstellung „Gunther von Hagens‘ Körperwelten“, die ab heute bis 4. Juli in der Halle K39 auf dem Gelände der einstigen Lederwarenfabrik Goldpfeil in der Kaiserstraße in Offenbach zu sehen ist.

28 plastinierte ganze Körper in verschiedenen Posen sowie zahlreiche Einzelorgane und Querschnitte ermöglichen den Besuchern Einblicke in die Anatomie, die ohne Zweifel einzigartig sind. Gleichzeitig aber auch nichts für allzu zarte Gemüter. Föten mit Wasserkopf oder Anenzephalie, kranke Organe wie Raucherlungen und Fettlebern oder der „Körper der geöffneten Türen“, bei dem die vordere Rumpfwand großflächig aufgeklappt und die inneren Organe herausgedreht wurden - bei all dem macht man sich stets bewusst, dass es echt ist. Kein schöner Gedanke. Und doch laut Kuratorin Angelina Whalley ein wesentlicher Anreiz, die Ausstellung zu besuchen: „Es hätte keinen Sinn, Plastikmodelle statt echter Körper und Organe zu zeigen. Authentische Präparate sind wesentlich genauer als Nachbildungen, und das Erlebnis beim Betrachten ist sehr viel intensiver.“

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„Körperwelten“ in Offenbach

Dass echte menschliche Körper zur Schau gestellt werden, sorgt schon seit den Anfängen der Ausstellungsreihe im Jahr 1995 für reichlich Diskussionsstoff. Von „Verletzung der Menschenwürde“ über „Störung der Totenruhe“ bis hin zur „Leichenfledderei“ lauten die Vorwürfe. Franz Josef Wetz ist damit bestens vertraut. Schon seit Jahren begleitet er die „Körperwelten“ und ist als Professor für Philosophie für die ethische Beurteilung zuständig. Routiniert kontert er bei schwierigen ethischen Fragestellungen. „Diejenigen, die sich für die Wächter der Moral halten, schmeißen mit großen Vokabeln der abendländischen Kultur um sich“, sagt Wetz. „Doch wenn man dann genauer nachhakt, womit sie denn ihre Argumentation halten, geht alles in Nebelschwaden auf.“ Er betont, dass alle ausgestellten Körper von Menschen stammen, die sich zu Lebzeiten dazu entschlossen hatten, ihren Körper dem Institut für Plastination in Heidelberg zu spenden.

ZEITEN, PREISE

Die Ausstellung ist von Sonntag bis Mittwoch zwischen 9 und 19.30 Uhr (letzter Einlass: 18 Uhr) zu sehen. Außerdem donnerstags bis samstags von 9 bis 21 Uhr (letzter Einlass: 19.30 Uhr).

Der Eintritt kostet 17 Euro für Erwachsene, 13 für Kinder und Jugendliche (7 bis 18 Jahre) und 15 für Studenten und ermäßigte Personen - außerdem werden Gruppenrabatte gewährt.

Über 10.000 Körperspender stehen dort momentan in der Datenbank. „Hier ruht in Frieden, wie es auf vielen Grabsteinen steht, ist ein Euphemismus“, legt Wetz nach. „Korrekter müsste es lauten - hier verwest unter der Erde.“ Außerdem dürfe man nie einen Verstorbenen mit einem Leichnam gleichsetzen. „Der Verstorbene ist die Person, an die wir uns erinnern, und die wird hier nicht ausgestellt“, rechtfertigt der Philosoph. Kuratorin Whalley ist selbst seit fast 20 Jahren als Körperspenderin verzeichnet. Wetz dagegen bislang „nur“ als Organspender. Er schließe es aber für sich nicht aus, sagte er gestern in Offenbach.

Fünf Meter hohe Giraffe

Etwa 1500 Arbeitsstunden stecken in einem Ganzkörperplastinat, die Kosten belaufen sich auf 40.000 bis 50.000 Euro. Die Organisation und der Aufbau der Ausstellung in Offenbach kosteten 1,2 Millionen Euro. „Um die Kosten hereinzuholen, brauchen wir mindestens 150.000 Besucher, hoffen natürlich auf mehr“, sagt Whalley. Und verweist auf einen der Höhepunkte in Offenbach, eine fünf Meter große Giraffe. Die Plastination des 800 Kilo schweren Tieres hat 13.000 Arbeitsstunden erfordert.

Das eigentliche Thema der Ausstellung lautet „Zyklus des Lebens“. Von der Empfängnis bis ins hohe Alter werden die Vorgänge im Inneren des Körpers veranschaulicht, ob nun typische Krankheiten, die mit dem Alter oder bei ungesunder Lebensführung auftauchen, oder das komplexe Zusammenspiel von Nerven und Muskeln, wie es beim Sport geschieht. Schautafeln, für die man etwas Lesefreude mitbringen muss, erklären die Vorgänge im Inneren und informieren, warum bewusste Ernährung und regelmäßige Bewegung so wichtig sind. In einem Raum widmet man sich Menschen, die im sehr hohen Alter von über 100 Jahren ein gesundes und zufriedenes, aktives Leben führen.

Weitere Informationen auf der Internetseite der „Körperwelten“-Ausstellung.

Bei allem Informationsgehalt, dürfte beim ersten Besuch wohl erst einmal der Schock überwiegen, den die tabulos zur Schau gestellten Körper auslösen. So sind auch zwei Paare beim Geschlechtsakt in einem eigenen, ab 16 Jahren freigegebenen Raum zu sehen. „Das Leben soll dargestellt werden in seiner ganzen Endlichkeit und Zerbrechlichkeit, aber auch bewundernswerten Erhabenheit“, sagt Kuratorin Whalley. Einige Kirchen haben bereits Protest eingelegt.

Rubriklistenbild: © Georg

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