Hilfe für Allergiker

Genuss auf eigene Gefahr

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Die überarbeitete Speisekarte strotzt vor Fußnoten. Patricia vom Markthäuschen am Wilhelmsplatz weiß, worauf es bei der Beratung ankommt. Brötchen zum Beispiel sind nichts für Weizenallergiker, Käse sorgt bei Milchempfindlichen für Magengrummeln. Die neuen Lebensmittel-Informations-Vorschriften klären auf.

Offenbach - Vom Würmchen im Fußnotenwald: Seit dem 13. Dezember gilt eine neue Lebensmittel-Informations-Verordnung. Sie soll besonders Allergiker vor bösen Überraschungen bewahren. Von Eva-Maria Lill 

Allergiker haben kein leichtes Los. Schon der Hauch einer Erdnuss sorgt mitunter für ärztliche Notfälle. Sinnvoll also, potenziell gefährliche Lebensmittel zu kennzeichnen. Bisher war das bloß Kür, auf Verpackungen prangte die Floskel: „Kann Spuren von“ enthalten. Seit dem 13. Dezember ist Schluss mit Unverfänglichkeit: Die neue Lebensmittel-Informations-Verordnung (LMV) trat in Kraft. Bereits 2011 von der Europäischen Union beschlossen, soll sie Allergiker vor unliebsamen Überraschungen schützen.

Die angepassten Regelungen betreffen sowohl verpackte als auch lose Ware. Heißt: In Zukunft müssen auch Gäste der Gastronomie informiert werden. Ausgenommen sind das ehrenamtliche Fest und die private Bratwurst. Kantine, Mensa, Internetversand, Marktstand, Glühweinbude – sobald es kommerziell wird, greift das Gesetz. 14 Allergene unterliegen der Kennzeichnungspflicht. Von der obligatorischen Nuss über Getreide, Krebstiere, Ei, Fisch, Soja, Milch, Sellerie, Senf, Sesamsamen, Schwefeldioxide und Sulphite bis hin zu Hülsenfrüchten und Weichtieren.

Was eigentlich Klarheit beim Kunden schaffen soll, lässt Gastronomen und Einzelhändler bisweilen verzweifeln. Schuld sind bürokratische Bandwurmsätze und mangelnde Information. Rund um den Wilhelmsplatz zucken Wirte und Verkäufer einheitlich die Schultern. In Bäckereien, im Dönerladen und hinter Ständen sind die Regelungen noch nicht angekommen. Offizielle Bekanntmachungen gibt es nicht. Dabei begrüßen viele das Gesetz. „Allergiker wollen ja auch unterwegs geschützt sein“, betont Susanne Großmann, die auf dem Markt Lebensmittel verkauft. Zwar darf mündlich über Inhaltsstoffe informiert werden; auf Nachfrage muss allerdings eine schriftliche Dokumentation bereitliegen.

In der Gastronomie erfüllen Anmerkungen den aufklärerischen Zweck. Erik Münch, Chef vom Markthäuschen, betitelt die Vorschrift süffisant als „europäisches Sesselfurzertum“ und bestückt die Speisekarte pflichtbewusst mit kleingedrucktem Fußnotenwald. Das nimmt mitunter groteske Züge an: Hinter der Eierspeise ist der Verweis auf Eier ebenso skurril wie überflüssig. Münch schüttelt bloß den Kopf: „Bald besteht das Gesetz darauf, dass ich beim Äppler angebe, dass er Spuren von Weichtieren enthalten kann. Mag ja sein, dass beim Keltern das ein oder andere Würmchen platt gedrückt wurde.“

Laut Gesetz müssen eindeutig benannte Speisen nicht zwangsläufig mit Anmerkungen versehen sein. Für Münch ist die penible Kennzeichnung eine Frage der juristischen Sicherheit. „Ich bin immerhin dafür verantwortlich, dass in meiner Gaststätte niemand einen allergischen Anfall erleidet. Die Fußnoten suggerieren Sicherheit, wo keine ist.“

Er rät Allergikern, lieber offen mit dem Personal über Unverträglichkeiten zu sprechen, statt sich auf vermeintlich umfassende Fußnoten zu verlassen. Zumal gerade chemische Zusätze weiterhin von der Regelung ausgenommen sind, etwa Konservierungsstoffe wie Sorbin- oder Benzoesäure.

Bei verpackter Ware muss seit Dezember sowohl das Einfrierdatum als auch der genaue Koffeingehalt deklariert sein, Allergieauslöser werden hervorgehoben, die Mindestschriftgröße ist auf 1,2 Millimeter festgelegt. Im Jahr 2016 soll zudem eine detaillierte Nährwerttabelle Pflicht werden.

Annette Laier von der gleichnamigen Kaffeerösterei teilt Münchs Auffassung: Die Verordnung ist sinnvoll, wenn sie Unverständliches aufklärt, aber bedenklich, wenn sie Sicherheit vorgaukelt. „Endverbraucher werden weniger in die Verantwortung genommen. Ob das Allergiker besser schützt, bezweifle ich.“ Kuriosen Kennzeichnungen begegnet Laier mit gesundem Humor. „Ich habe darüber nachgedacht, ein Schild an meine Ladentür zu hängen: Betreten auf eigene Gefahr. Luft kann Spuren von Nüssen enthalten.“

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