Hygienische Bescherung

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Auch wer als Schüler Selbstgebackenes verkauft, muss die Vorschriften beachten. Die städtische Lebensmittelüberwachung passt da genau auf.

Offenbach - Sie haben was fürs Leben gelernt, die Schulkinder, die am ersten Adventswochenende für ihre Klasse auf dem Bieberer Nikolausmarkt Plätzchen verkauft haben. Von Matthias Dahmer

Sie haben erfahren müssen, dass die Wege des Alltags mitunter mit Vorschriften gepflastert sind, mit Regeln, die Betroffene kopfschüttelnd zurücklassen.

Grund für ein noch Wochen später anhaltendes Unverständnis – nicht nur bei der Schulklasse – sind Kontrollen der städtischen Lebenmittelüberwachung. Unerbittlich, erzählen Bieberer, die es selbst miterlebt haben, aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, sei die Kontrolleurin aufgetreten. Mehr als die Hälfte der 50 Stände sei unter die Lupe genommen worden.

Unter anderem, so wird berichtet, wurde bei den jungen Plätzchenverkäufern bemängelt, dass sie keine Zutatenliste für ihre Kekse vorlegen konnten. In einem anderen Fall, der in heftigeren Disput gemündet sei, habe die resolute Dame aus dem Rathaus wissen wollen, welche Zutaten eine zum Verkauf angebotene Kirschmarmelade enthalte...

Zutatenlisten sind zur Ansicht vorrätig zu halten

Tatsächlich belegen unserer Zeitung vorliegende Kopien des entsprechenden amtlichen Kontrollberichts, dass die Vorschriften gnadenlos vollzogen wurden: „Plätzchen in Fertigverpackungen werden nicht gekennzeichnet. Die Zutatenlisten sind zur Ansicht vorrätig zu halten“, heißt es auf dem amtlichen Formular.

Immerhin: Als eingeleitete Maßnahme hat man es mit „mündlicher Verwarnung“ bei der ersten Stufe des Sanktionskatalogs belassen. Einen Schritt weiter ging die Lebensmittelwächterin beim Marmeladenfall: Eine „Verwarnung ohne Verwarngeld“ samt Belehrung handelte sich der Sünder ein.

Doch nicht nur die Produkte selbst waren Gegenstand amtlicher Rügen: Auch wer von den Standbetreibern keine Möglichkeit zum Händewaschen geschaffen oder nicht die vorschriftsmäßige Spülmittelflasche parat hatte, sei ermahnt worden. Ganz zu schweigen von der wenig praktikablen Forderung, auf dem sanierten Ostendplatz, wo der Markt erstmals stattfand, für jeden Stand fließend kaltes und warmes Wasser zu installieren. Was die Bieberer zusätzlich aufregt: Sie waren offenbar die einzigen, die an diesem an Weihnachtsmärkten reichen Wochenende kontrolliert wurden.

„Wir sind nicht das böse Amt“

Zumindest dafür hat Karin Haßinger, Chefin des Amts für Veterinärwesen und Verbraucherschutz, eine einfache Erklärung: Weil es nur drei städtische Lebenskontrolleure gebe, könne nur punktuell überprüft werden. In diesem Jahr sei Bieber dran gewesen, die zeitgleich stattfindenden Märkte in Bürgel und auf der Rosenhöhe habe man auslassen müssen.

Beim Vorgehen ihrer Behörde im Allgemeinen und auf dem Ostendplatz im Besonderen legt Karin Haßinger Wert auf die Feststellung: „Wir sind nicht das böse Amt.“ Sie räumt ein, dass das, was Vereine vor einem Fest in Sachen Hygienevorschriften beachten müssten, heftig sei. Aber man sei eben selbst beim Kita-Fest mittlerweile „nicht mehr im lebensmittelrechtlichen Nirwana“. Die Arbeit ihrer Mitarbeiter habe zum Ziel, einerseits die Verbraucher zu schützen und anderseits die Veranstalter – meist sind es Vereine – zu informieren. Denn im Fall des Falles, also beim Verkauf von verdorbenen Lebensmitteln, sei die Vereinsspitze in der Haftung.

Positive Entwicklung beim Mainuferfest

Die von nicht wenigen als Gängelung empfundenen Vorschriften sind nicht auf dem Mist der Offenbacher Behörde gewachsen. „Es gibt keinen Bereich in der Stadtverwaltung, wo EU-Vorschriften so durchschlagen“, sagt Haßingers Stellvertreter Manfred Ginder. Das Lebensmittelrecht sei eine komplizierte Materie, das geltende EU-Recht, das zuletzt 2006 verschärft wurde, habe vor allem den Schutz des Verbrauchers im Blick. Ein Unterschied zwischen privaten und gewerblichen Anbietern werde kaum noch gemacht.

Ginder sieht aber durchaus eine positive Entwicklung. So sei beim Mainuferfest, der größten Fete von Vereinen in der Stadt, das Verständnis für die lebensmittelrechtlichen Vorschriften mit den Jahren gewachsen.

Klärendes Gespräch reicht meistens aus

Ohnehin ist in Sachen Hygiene meistens alles in Ordnung bei den Festen der Offenbacher, weiß Karin Haßinger zu berichten. Einen Stand habe man noch nie schließen müssen, meist sei das klärende Gespräch ausreichend. Der Kontrolleur dürfe aber nicht mit der Brechstange vorgehen, Fingerspitzengefühl sei gefragt.

Zumindest in Bieber wird den Lebensmittüberwachern nicht unbedingt Feingefühl bescheinigt: Teilweise habe die Kontrolleurin so agiert, als müsste man vor ihr strammstehen, heißt es.

Ausfluss der geänderten Regelungen und der damit einhergehenden Verunsicherung bei den Veranstaltern ist ein vierseitiges Info-Blatt des Offenbacher Amts. Detailreich ist dort nachzulesen, was alles beachtet werden muss, was geht und was nicht beim Angebot von Speisen und Getränken.

Weil den behördlichen Hygiene-Experten bei ihrer aufsuchenden Aufklärungsarbeit personelle Grenzen gesetzt sind, appelliert Karin Haßinger an Veranstalter, sich zu informieren. Welche Torte man beim nächsten Sommerfest besser nicht backt, wo was wie am besten gekühlt wird und die ganzen anderen lästigen Details erfahren Interessenten bei der Lebensmittelüberwachung im elften Stock des Stadthauses. Das Amt ist zu erreichen unter Tel.: 060 8065-4910, Fax 8065-4909, E-Mail veterinaeramt@offenbach.de.

Mit den Vereinsspitzen in Bieber, kündigt Amtsleiterin Haßinger an, werde man mit Blick auf die im nächsten Jahr anstehenden größeren Feste noch mal aufklärende Gespräche führen.

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