Überleben in Nischen gesichert

+
Blick in die Lederwaren-Geschichte: Das Foto aus dem Jahr 1918 zeigt im Vordergrund Andreas Josef Döbert - den Urgroßvater von Aido-Chef Heribert Franz.

Obertshausen/Offenbach - Der Name Offenbach ist in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit zwar immer noch mit Lederprodukten verbunden. Viele Betriebe sind in der Region von der einst blühenden Industrie indes nicht übrig geblieben. Von Marc Kuhn

Zu stark ist seit Jahrzehnten die Konkurrenz aus Asien. Mit recht unterschiedlichen Konzepten haben die Unternehmen auf den wirtschaftlichen Druck reagiert. Allerdings haben nicht alle erfolgreich gewirtschaftet. Und von jenen Firmen, die in die Zahlungsunfähigkeit rutschten, haben viele die Insolvenz nicht überstanden.

Erst kürzlich musste die traditionsreiche Karl Seeger Lederwarenmanufaktur aufgeben. Im Oktober war das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Da sich keine Investoren fanden, wurde der Geschäftsbetrieb im April eingestellt. Das 1889 gegründete Unternehmen gehörte seit 1992 zum Luxusgüterhersteller Montblanc, der wiederum zum Richemont-Konzern zählt. 2009 hatte die Lübecker Stalhof Industriekapital GmbH Karl Seeger übernommen. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb aus.

Eine der wenigen verbleibenden Firmen der Branche ist die Aido-Lederwaren GmbH in Obertshausen. „Mit hohem unternehmerischen Risiko und zahlreichen Aufs und Abs“ konnte die Existenz der 1896 gegründeten Firma gesichert werden, sagt Geschäftsführer Heribert Franz unserer Zeitung. Es sei gelungen, die Kosten den Erfordernissen anzupassen.

Im Bundesverband Lederwaren und Kunststofferzeugnisse sind etwa 70 Unternehmen organisiert, wie Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert berichtet. Rund 40 von ihnen hätten den Firmensitz in Offenbach. Es gebe aber auch noch Betriebe, die nicht Mitglied im Verband, sondern in Innungen seien. Mitte der 60er Jahre habe es in Deutschland noch etwa 1 000 Lederwarenbetriebe gegeben, rund 650 in Offenbach, erinnert sich Ursula Diehl. In der Region hätten sie etwa 20.000 Mitarbeiter gehabt, in der ganzen Bundesrepublik seien es rund 40.000 gewesen, erklärt die Geschäftsführerin der Messe Offenbach, die traditionell die Internationale Lederwarenmesse veranstaltet, weiter. „Das große Ausbluten fand in den 70er Jahren statt.“ 1984 wurden laut Unterlagen von Diehl noch etwa 250 Firmen geführt, die in Offenbach rund 7.500 Angestellte auf ihren Gehaltslisten hatten.

Markt hat sich verändert

„Der Lederwarenmarkt hat sich stark verändert“, sagt Junkert. „Den Fachhandel mit dem gesamten Sortiment findet man immer seltener.“ Viele Produkte würden zum Beispiel auch in Kaufhäusern angeboten. So auch die Handtaschen der Picard GmbH aus Obertshausen - eine der wenigen Lederwarenmarken, die in Deutschland noch wahrgenommen werden.

Auf die Bedürfnisse des Marktes hat Aido schon vor langer Zeit mit einer Spezialisierung auf Luxusprodukte reagiert. Zwölf Mitarbeiter beschäftigt Geschäftsführer Franz heute - Feintäschner, Zuschneider, Näherinnen und Mustermacher. „Die Belegschaft ist sehr fachkundig und flexibel“, sagt der Diplomkaufmann. „Wir konzentrieren uns auf die Entwicklung und Herstellung von Lederkollektionen für bekannte Markennamen.“ Produziert werde hauptsächlich für Anbieter von Luxusgütern, die ohne Lizenznehmer die Produkte vertreiben. Zu den Kunden würden beispielsweise auch Autohersteller zählen. „Diese Nische wird kleiner, da Unternehmen mit bekannten Markennamen vermehrt in eigener Regie vor allem in China selbst fertigen lassen“, berichtet Franz. „Und von den weniger bekannten Vertreibern von Luxusgütern gibt es immer weniger, mit denen eine Kollektionsentwicklung und -herstellung wirtschaftlich sinnvoll erscheint.“ Aido verkauft Lederwaren zum Beispiel an Kaufhäuser in den USA - „für uns ein wichtiger Markt“, berichtet Franz.

Er ist krisenerprobt. Bis 1988 sei die Firma richtig gut gelaufen, erklärt Franz. Als er sie übernahm, brach die Wirtschaft in Japan ein, der Dollar fiel und schließlich begann der erste Golfkrieg. Die Lederbranche litt unter diesen wirtschaftlichen Belastungen. Um Lohnkostenvorteile zu nutzen, habe Aido in den 90er-Jahren mit einem Geschäftspartner die Produktion in China aufgenommen, erklärt Franz. „Die Kombination von Fertigung am Standort in Obertshausen und anderen Standorten ist außerordentlich wichtig“, erläutert Franz. Das eine gehe ohne das andere nicht. Aido stellt Lederwaren auch für andere Firmen her - in der sogenannten Lohnfertigung.

Kombination aus Standorten in Offenbach und im Ausland

Ähnlich wie Aido setzt auch Picard auf die Kombination von hiesigem Standort und Ausland. „Seit 1928 produzieren wir in Deutschland“, sagt Thomas Picard. Die Kapazitäten sind zwar deutlich verringert worden. Aber: „Die Produktion hat nie aufgehört“, betont Picard. Etwa 50 Mitarbeiter stellen in Obertshausen Taschen her. Insgesamt sind dort rund 170 Menschen beschäftigt. „Made in Germany ist gesucht“, berichtet der Geschäftsführer. Einen Grund für den Erfolg seines Unternehmens sieht Picard darin, dass der Markenname seit den 80er-Jahren konsequent entwickelt worden ist.

Ende der 60er-Jahre habe das Unternehmen noch etwa 1000 Mitarbeiter in Deutschland beschäftigt, erinnert sich Picard. 1976 sei die Fertigung in Tunesien, 1982 in China aufgenommen worden. Rund 400 Menschen würden mittlerweile dort beschäftigt. Etwa 1 200 Mitarbeiter stehen in Bangladesch auf den Gehaltslisten, wo die Produktion 1995 startete. Die Fertigung im Ausland wird nach den Worten von Picard aber von Obertshausen aus gesteuert. So werde die Herstellung der Taschen überwacht. Darüber hinaus kann die Firma auf diese Weise schnell auf die Bedürfnisse ihrer Kunden reagieren. „Wir sind viel flexibler.“ Selbst die Auszubildenden würden einen Teil ihrer Lehrzeit im Ausland verbringen, berichtet Picard.

Das „Made in den eigenen vier Wänden“ dürfe nie aufgegeben werden, erklärt Cornelius Kaufmann. „Bei uns brummt der Laden“, berichtet der Chef der Wilhelm Kaufmann und Sohn KG weiter. Seine Produkte seien im „High-End-Bereich“ angesiedelt. Taschen und Accessoires lässt er in Mühlheim von 16 Angestellten herstellen. Dort sei 2010 auch eine Boutique eröffnet worden, in diesem Jahr folgte eine auf Sylt. Für 2012 sei ein weiteres Geschäft in Düsseldorf geplant. In Kleinschmalkalden im Thüringer Wald produzieren Mitarbeiter von Kaufmann Uhrenbänder und Gürtel, die im Fachhandel verkauft werden. 70 Angestellte beschäftigt er dort.

In Rumänien, Italien und zum Teil in Hongkong lässt die Rodgauer Firma Abro GmbH vor allem Taschen herstellen, wie Anja Petzel aus dem Vertrieb berichtet. Das in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegründete Unternehmen verkaufe seine Waren, zu denen auch Gürtel, Schuhe und Portemonnaies gehören, an Händler weltweit. Seit etwa 20 Jahren werde nicht mehr vor Ort produziert. „Das ist einfach zu teuer“, erklärt Petzel.

Nischen der Exklusivität

In einer Nische - der Exklusivität - hat sich Comtesse eingerichtet. „Unsere Produkte sind so speziell, dass nur wir sie anbieten können“, sagt Designchefin Caroline Teller. Das mittlerweile ebenfalls in Obertshausen ansässige Unternehmen stellt Handtaschen mit Rosshaar her. 2008 war Comtesse von der Firma Akris übernommen worden, die Damenoberbekleidung im Luxussegment verkauft. Zuvor gehörte das Unternehmen, das damals seinen Sitz in Dietzenbach hatte, zu der insolventen EganaGoldpfeil Accessoires GmbH. Als das Insolvenzverfahren eröffnet wurde, ist die Marke Comtesse sofort verkauft worden. Es sei der Wunsch von Akris gewesen, dass Comtesse wieder an seinen ursprünglichen Firmensitz Obertshausen ziehe, berichtet Teller. „Zurück zu den Wurzeln.“ Heute würden Lederwaren für die eigene Marke und für Akris produziert, erklärt Teller. Die Belegschaft ist aufgestockt worden. Etwa 50 Angestellte stehen auf den Gehaltslisten, rund 35 von ihnen arbeiten in der Fertigung.

Ebenfalls in der Nische hat die Kreis Ledermanufaktur in Obertshausen ihr wirtschaftliches Überleben gesichert. Auf hochwertige Waren konzentriert sich der Betrieb - und auf den deutschen Markt. „Wir produzieren alles selbst“, berichtet Geschäftsführer Bernd Kreis. Seine zehn Mitarbeiter stellen vor allem Gürtel her. Die Kunden seien „sehr gute Herrenausstatter“, sagt Kreis. Selbst in der Wirtschaftskrise ist es ihm gelungen - wie in fast allen Jahren - den Umsatz um zehn bis 15 Prozent zu erhöhen. Dank guter Auftragsbestände will Kreis seine Belegschaft weiter aufstocken.

Bei Esquire im Rodgau sind noch etwa 20 Mitarbeiter beschäftigt. Vor rund 25 Jahren seien es etwa 250 gewesen, erklärt Geschäftsführer Wolfgang Rupp. Kleinlederwaren wie Gürtel und Business-Accessoires hat seine Firma heute im Angebot. Die Produktion vor Ort sei aber „eher Geschichte“. Sie sei „globalisiert“ worden. „So ist der Lauf der Dinge“, sagt Rupp. Im Rodgau werden die Waren entwickelt. Von dort werde auch die Produktion gesteuert, berichtet Rupp. Hergestellt werden die Lederwaren in China, Thailand oder Indien. „Der Vertrieb ist in der Region noch sehr präsent“, weiß Branchenkennerin Diehl.

Derweil sieht Aido-Chef Franz einen Hoffnungsschimmer für die Lederbranche. Er habe das Gefühl, dass „doch einiges an Produktion wieder zurück nach Europa und Deutschland komme“. Plötzlich würden sich Kunden melden, die etwas Besonderes suchten. Franz befürchtet bereits Kapazitätsengpässe und einen Fachkräftemangel.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare