Dr. Chistian Rathke geht

Haus wohlbestellt verlassen

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Direktor Dr. Christian Rathke in der umgestalteten China-Abteilung. Das Schattentheater (unten) zählt zu seinen Lieblingsobjekten im Ledermuseum.

Offenbach - Eine Ära geht zu Ende. Nach 14 Jahren verlässt Dr. Christian Rathke das Deutsche Ledermuseum, zu dessen Direktor er im Jahr 2000 berufen worden war. In dieser Zeit hat er das Haus trotz knapper Mittel modernisiert und es mit Veranstaltungen aller Art zugleich für neue Besuchergruppen geöffnet.  Von Markus Terharn 

„Ja, es ließ sich umsetzen mit der Hilfe ganz vieler Unterstützer“, erinnert sich Rathke. „Nein, einfach war das nicht.“ Übernommen habe er das DLM „nach einer Phase des Stillstands, verursacht durch scharfe Sparmaßnahmen der Träger Stadt Offenbach und Land Hessen“. Um die Attraktivität wiederherzustellen, habe die Didaktik mehr Spielraum bekommen, indem neue Arbeitsräume mit Spendenmitteln eingerichtet und neue Angebote entwickelt wurden. „Damit haben wir Erwachsenengruppen oder Senioren angesprochen“, so Rathke. Zudem galt es die marode Substanz des städtischen Gebäudes zu sichern – es regnete etwa in die Afrika-Vitrinen. Bei der Gelegenheit wurde die heruntergekommene Fassade des historischen Lagerhauses an der Frankfurter Straße 86 aufgefrischt. „Im Zuge dieser von den städtischen Ämtern engagiert unterstützten Arbeiten wurde erstmals die Denkmalwürdigkeit des klassizistischen Baus von 1828/29 anerkannt“, ist Rathke dankbar.

Auch im Innern musste angepackt werden. Auf den Leiter machten Teile der Schausammlung den Eindruck von Düsternis und Überfülle, wie Rathke formuliert. So wurde der Afrika-Saal aktualisiert, in dem Kolonialismus, Genozid und Dekolonialisierung bis dahin nicht vorkamen. „Das Nebeneinander der Kulturen wurde durch behutsame Neugliederung des Rundgangs und zentraler Vitrinenpassagen erfahrbar“, erläutert der Direktor. Wichtige Jäger- und Sammlergesellschaften wie die San seien mit neu erworbenen Objekten sowie einer Videodokumentation erstmals gewürdigt worden. Neu gestaltet und rund um die China-Kollektion angeordnet wurde außerdem der asiatische Besitz mit Stücken aus Japan, Mongolei, Tibet und Südsibirien. „Gewissermaßen mit Bordmitteln“ sei es gelungen, weitere Abteilungen zu entstauben. So wurde das Konzept für die außereuropäischen Bestände des Weltschuhmuseums aktualisiert, die Beschriftung erneuert, bedeutende Leihgaben kamen hinzu. Für die Kunstgalerie wurden Werke erworben. Und in der Einführung ins Basiswissen Leder wurde „die traditionell mit dem Gewerbe der Abdecker, Gerber und Lederhandwerker verbundene Anrüchigkeit konterkariert“, sagt Rathke: „Exotisch, erotisch, exquisit“ sind die Stichworte fürs adäquate Verständnis.

Ohne Etat für Sonderausstellungen mehr Besucher

Am wichtigsten sind Rathke jedoch die Besucher. Die Vermittlung von Wissen war ein Ziel, basierend auf der Formel „Bildung als Erlebnis für alle Generationen, Gruppen und Lebenslagen“. Neben der Museumspädagogik gehörten dazu „substanzielle und authentische Beiträge“ zu Weltmusik, Kino, Vortrag, Theater und Küche. Neu eingerichtet ist die Geschenkboutique mit ihrem laut Dr. Rathke „sammlungsspezifischen, weithin einmaligen“ Warensortiment. „Die attraktiven Angebote erhöhten den Besucherstrom“, freut sich der Direktor. „Und zwar ohne Etat für Sonderausstellungen oder Aktionstage.“ Als Beleg für sein Ziel, eine weltoffene Stätte der Begegnung von Hiesigen mit Zugezogenen zu schaffen, zählt Rathke das Nyepi-Fest der balinesischen Hindus, eine African Night mit Musik, Modenschauen, authentische Gerichte aus Nigeria, einen Indian Summer mit Tänzen, türkische Feste der Aleviten oder eine marokkanische Hochzeit auf. Traditionspflege betrieb er mit Gastspielen des Theaterclubs Elmar, Amateurfilm-Festivals sowie Ausstellungen von Fotoclubs und Künstlern.

Viel Lob hat Rathke für das hochspezialisierte Team, dessen Kenntnis, Können und Beharrlichkeit er rühmt. „Leider wird oft übersehen, dass ein Museum nicht nur Geld kostet. Das kommt durch Einnahmen und Drittmittel zum Teil wieder herein. Hier wird aber auch ein Fundus wertvollster Güter angesammelt und gepflegt, der unersetzlich ist.“ Rathke nennt Zahlen: „Das Sammlungsvermögen konnte trotz fehlender regulärer Haushaltsmittel allein durch Stiftungen und Schenkungen sowie mit Hilfe des Förderkreises um zirka 300 Objekte im Marktwert von über einer Million Euro vermehrt werden.“ Konservierung und Restaurierung im eigenen Haus steigerten deren Wert. Nicht zuletzt konnte Rathke die Ausstellungsfläche um 500 Quadratmeter erweitern, im Bestand. Düncher-Galerie (mit Meisterwerken der Lederkunst Europas) und Dr.-Marschner-Saal (mit Offenbacher Lederwaren) tragen die Namen der Mäzene, die dies zusammen mit der Stadt ermöglichten.

Nacht der Museen in Offenbach

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Seinen letzten Arbeitstag hat der 65-Jährige am 31. Oktober. In welcher Form er verabschiedet wird und ob dies in Zusammenhang mit der Einführung seiner Nachfolgerin geschieht, steht bislang nicht fest. Rathke macht keinen Hehl daraus, dass er seine Stellvertreterin Dr. Rosita Nenno für geeignet hält. Der Senat habe, der Empfehlung der Findungskommission folgend, aber für eine externe Bewerberin votiert. Für sie sieht Rathke einige mögliche Tätigkeitsfelder. Zum einen gebe es Räume und Magazine, die technisch auf modernen Standard gebracht werden müssten. Die Unterbringung und vor allem die Internetpräsenz der in Europa einmaligen Schattentheatersammlung findet er unbefriedigend. Gleiches gilt fürs Weltschuhmuseum. Seine Offenbacher Wohnung wird Rathke räumen. Mit seiner Frau, Künstlerin Ursula Goldau, will er sich in ihrem Heimatort Leutesdorf am Mittelrhein der Pflege und Nutzung eines historischen Gemäuers widmen.

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