Stolz auf die Schatzkammer

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Passt: Dr. Rosita Nenno, stellvertretende Leiterin des Ledermuseums, an einem der Schaukästen in der neuen Wilhelm-Düncher-Galerie. Dort werden die wertvollsten Stücke aus der Europa-Sammlung des Museums konzentriert.

Offenbach ‐ Für Dr. Christian Rathke beginnt in diesem Jahr der Frühling schon am 13. März. Der Direktor des Deutschen Ledermuseums mit dem integrierten Schuhmuseum hat ein Etappenziel erreicht, mit dem in seinem Haus ein neues Leben beginnt. Von Lothar R. Braun

Ein Jahr lang war das Museum geschlossen. Es gehörte allein den Bauhandwerkern und dem Hauspersonal, das Bestände forträumte, sicherte und gegen Beschmutzung abschirmte. Der umgebaute Eingangsbereich ist schon seit kurzem wieder nutzbar. Und am 13. März wird der über dem Eingang entstandene neue Raum eröffnet. Rathke nennt ihn „die Schatzkammer“.

120 zusätzliche Quadratmeter sind das. Auf Vorschlag der Mäzenatenfamilie erhielten sie den Namen „Wilhelm-Düncher-Galerie“. Zur Schatzkammer wird sie, weil das Museum dort die wertvollsten Stücke aus seiner Europa-Sammlung konzentrieren wird. Es sind Lederarbeiten aus der Zeit von der Gotik bis zum Barock. Manches davon war bisher nicht ausgestellt, anderes so präsentiert, dass es der Aufmerksamkeit entgehen konnte.

Einen ehrenden Platz erhält dort beispielsweise das „Minnekästchen der Schlafenden Ritterlichkeit“ aus dem 14. Jahrhundert. Es zeigt auf seinem Deckel den Heiligen Georg, der zur Rettung einer Jungfrau mit einem Drachen kämpft. Seinen Namen erhielt das Kästchen von einer die Frontseite schmückenden Darstellung eines schlafenden Ritters. Als einzigartig gilt auch das aus der gleichen Epoche stammende „Freudenbergische Minnekästchen“ mit seinem üppigen Figurenschmuck.

Schwerpunkte China und Tibet

Drachen, Ritter und Prinzessinnen, Heilige und wilde Männer zieren die höfischen „Liebesgaben“ des Mittelalters. Reliquenschreine und wertvolle Futteralien tragen Figurenschmuck und Szenenbilder. Die Szenen sind in Leder geschnitten, gepunzt und aufgemalt. „Das ist nicht nur hochwertiges Kunsthandwerk. Es erzählt auch vom Lebensgefühl versunkener Epochen, von ihren Idealen und Ängsten“, sagt Rathke.

Für ihn und seine Mitarbeiter wird der 13. März zu einem wunderbaren Tag. Den Schluss-Stein setzt er jedoch nicht. Am 15. April wird der „Dr. Marschner-Saal“ eröffnet werden, der über dem alten Innenhof entstanden ist. In ihm wird die Offenbacher Lederwarenindustrie ihr bleibendes Denkmal finden und das 20. Jahrhundert als bereits museumsreif erkannt werden. Diese Präsentation schließt an die ältere Abteilung zu Technik und Kunstfertigkeit des Ledergewerbes an. Dann verweben sich Lokal- und Wirtschaftsgeschichte mit der Kulturgeschichte zu anregenden Bildern.

In der ersten Hälfte des kommenden Jahres soll die Umgestaltung ihren Abschluss mit einer neuen Asienabteilung finden. Mit den Schwerpunkten China und Tibet soll sie den älteren Bestand ergänzen. Zuvor jedoch, noch im April dieses Jahres, will Rathke im Vorführsaal des Hauses einen Kinobetrieb eröffnen. Zusätzliche Bauarbeiten erfordert das nicht. Der Saal ist schon vor Jahrzehnten für Filmvorführungen eingerichtet worden.

„Treffpunkt der Kulturen“

Mit 150  000 Euro beteiligt sich die Stadt Offenbach an den Umbaukosten. 400 000 Euro flossen aus dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung in das Ledermuseum. Auf rund 300 000 Euro belaufen sich die Zuwendungen der Mäzene. „Die Offenbacher sehen unser Haus als einen kulturellen Schwerpunkt an, das ist zu spüren“, sagt der Direktor.

Auch als „Treffpunkt der Kulturen“ meint er es bezeichnen zu können. Aus ganz Westeuropa kamen balinesische Hindugläubige ins Deutsche Ledermuseum, um hier ihr religiöses Jahresfest zu feiern, ganz nahe an den Zeugnissen ihrer alten Kultur. Westafrikaner laden jedes Jahr ins Museum ein zu einem Fest mit Tanz und Gaumenfreuden. Bürger aus Bangladesch feiern hier regelmäßig ihr Neujahrsfest. „Wir sind ein Knotenpunkt für viele Kulturen des Rhein-Main-Gebiets“, sagt Rathke.

Interkulturell ausgerichtet ist denn auch das Programm, mit dem das Museum Kinder anspricht. Beispielsweise in der Begegnung mit der indianischen Welt Nordamerikas lernen sie, dass – wie Rathke das nennt – „Anfassen spannender als Fernsehgucken“ ist. „Wir bieten Anknüpfungspunkte und locken zum Verknüpfen“, sagt der Direktor des Deutschen Ledermuseums. Es ist ein Angebot nicht nur für Kinder.

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