Für Lehre Sicherheit aufgegeben

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Christian Gimbel lernt Beikoch - und dann vielleicht noch Koch.

Offenbach - (Barbara Hoven) Seine Freundin isst nicht anspruchsvoll: Nudeln mit Tomatensoße sind ihr Lieblingsgericht. Seine Vogelspinne bevorzugt die kalte Küche: Heuschrecken und Wasser, mehr braucht sie nicht. Trotzdem lässt Christian Gimbel sich nicht entmutigen. 

Jeden Abend, wenn der Beikoch-Azubi im AWO-Waldcafé den Ofen ausmacht, stellt er sich daheim gleich wieder an den Herd. Immer in der Hoffnung, seine Freundin doch auch für Ausgefalleneres begeistern zu können. Für den 24-Jährigen ist Kochen Freude, nicht Pflicht.

Dass er sein Hobby auch zum Beruf machen konnte, war nicht selbstverständlich. Lange war nicht einmal sicher, ob und wo Christian überhaupt eine Berufsausbildung beginnen kann. Denn der Offenbacher ist in seiner geistigen Entwicklung eingeschränkt, er muss mit einer leichten Behinderung leben.

Nach dem Abschluss an einer Sonderschule war er zunächst ohne Perspektive. Ein halbes Jahr dauerte es, bis er 2003 im Berufsbildungsbereich der Werkstätten Hainbachtal nicht nur eine Beschäftigung, sondern schnell auch seine Bestimmung fand.

„Normalerweise kriegen neue Werkstattmitarbeiter in den ersten zwei Jahren bei uns diverse Arbeitsbereiche durch Praktika gezeigt“, erklärt Rudi Schell, Pressesprecher der Werkstätten. „So sehen wir Stärken und Schwächen und finden für jeden Mitarbeiter die passende Abteilung.“ Bei Christian ging das schneller. Egal ob in der Spülküche, im Service, an der Kasse oder in der Küche - im Waldcafé fühlte er sich von Anfang an wohl.

Dennoch galt es, vor dem Abschluss eines IHK-Ausbildungsvertrags viele Formalitäten zu klären. „Eine der wichtigsten Aufgaben der Werkstätten ist es, behinderte Mitarbeiter an den ersten Arbeitsmarkt heranzuführen“, sagt Schell. „Andererseits war uns klar, dass Christian durch den Ausbildungsplatz seinen Status als behinderter Mensch aufgibt. Und damit besondere Sicherheiten und Sozialleistungen.“

Eine Zwickmühle. Aber die Werkstätten fanden einen bundesweit bisher fast nie beschrittenen Ausweg: Seit dem 1. August 2007 hat Christian einen Ausbildungsvertrag als Beikoch in der Tasche, der Behindertenstatus ist damit beim Landeswohlfahrtsverband (LWV) zunächst erloschen. Doch es ist ein Karriereeinstieg mit Netz und doppeltem Boden. Der LWV sagte zu, dem Azubi bei einem behindertenbedingten Scheitern der dreijährigen Ausbildung seinen Status als Werkstattmitarbeiter zurückzugeben.

„Wir sind stolz darauf, dass es gelungen ist, die Situation optimal an Christians Bedürfnisse anzupassen“, so Schell. Belege dafür, dass der schwierige Weg der richtige war, gibt es schwarz auf weiß: Im vergangenen Jahr war Christian der Beste seiner Klasse der Frankfurter Berta-Jourdan-Berufsschule, Notendurchschnitt 2,1.

Wenn er nicht gerade die Schulbank drückt, steht Christian morgens ab zehn Uhr in der Waldcafé-Küche, putzt Salat, brät Fleisch, rührt Desserts an. Die Speisekarte wechselt wöchentlich. Langeweile ist für das Team um Restaurantleiterin Claudia Wittrin besonders in den Mittagsstunden ein Fremdwort. Christian, zwei weitere gesunde Azubis, zwei Hauptamtliche und sechs Menschen mit geistiger Behinderung bringen täglich etwa 80 Essen auf die Tische. Seit der Neukonzeption vor drei Jahren - längere Öffnung, neue Einrichtung, Kulturprogramm - läuft’s richtig rund im Café der Werkstätten für geistig behinderte und seelisch erkrankte Menschen. Die Frage, ob es Gäste gebe, die sich davor scheuen, von Behinderten bedient zu werden, verneint Rudi Schell. „Im Gegenteil, die Gäste sind offen, und viele staunen nicht schlecht darüber, was Behinderte alles leisten.“ Zwar ist Schell auch Vorurteilen begegnet. „Doch selbst Skeptiker kommen - aus Neugier.“ Und bleiben nicht selten als Stammgäste.

Bleiben kann auch Christian - wenn er will. Um seine Zukunft nach Abschluss der Ausbildung muss er sich keine Sorgen machen: „Wir holen niemanden aus dem Behindertenstatus heraus und bilden ihn aus, um ihn dann hängen zu lassen“, sagt Schell. „Das wäre wirklich nicht unsere Art.“ Eine Fest anstellung sei ebenso denkbar wie das Angebot an den Vorzeige-Azubi, nach seinem Abschluss als Beikoch die Ausbildung zum Koch anzuhängen. So oder so - im Waldcafé wäre Christian gern gesehen. Das freut den 24-Jährigen. Dennoch verliert er keine Zeit, einen anderen Plan loszuwerden, den er im Hinterkopf hat: „Gern würde ich in Elternzeit gehen und mich eine Zeit lang daheim um mein Kind kümmern.“

Ende April wird Christian zum ersten Mal Vater. Dass es ein Wunschkind ist, muss er nicht dazusagen. Der Stolz in der Stimme und das Strahlen haben ihn längst verraten. Und vielleicht klappt es ja beim Nachwuchs auch mit der Begeisterung für abwechslungsreiche Abendessen.

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