Lehrer in die Pflicht genommen

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Markus Weinbrenner, Geschäftsführer der IHK Offenbach, der Niederlassungsleiter von TNT Express in Dietzenbach, Frank Weissenberger, und Andreas Thiele, Geschäftsführer der MTDruck Walter Thiele GmbH aus Neu-Isenburg (von links nach rechts) diskutierten über das Thema Wirtschaft und Schule.

Offenbach - Schulen nicht nur in Stadt und Kreis Offenbach bereiten junge Menschen auf das Berufsleben vor. Über Erwartungen von Firmenchefs an Lehrer, über Unternehmer-Gymnasien und Elternzeugnisse sprechen Markus Weinbrenner, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach, der Niederlassungsleiter von TNT Express in Dietzenbach, Frank Weissenberger, und Andreas Thiele, Geschäftsführer der MTDruck Walter Thiele GmbH & Co. KG aus Neu-Isenburg, mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Wie klappt das Zusammenspiel von Wirtschaft und Schule beziehungsweise Schülern in Stadt und Kreis Offenbach?

Weissenberger: Seit 2006 ist jede TNT-Niederlassung eine Schulpartnerschaft eingegangen. Dabei haben wir festgestellt, dass Jugendliche oft wenig über Wirtschaft wissen. Andererseits sind die Schüler in der Situation, sich entscheiden zu müssen: Mache ich eine Lehre oder ein Studium? Sie hängen häufig vollkommen in der Luft.

Welche Patenschaft ist Ihre Niederlassung eingegangen?

Weissenberger: Wir haben eine Lernpartnerschaft mit der Nell-Breuning-Schule in Rödermark. Ein ganz wichtiger Bestandteil davon sind Bewerbertrainings mit den Schülern. Wir gehen mit Kameras in die Klassen, nehmen die fiktiven Bewerbungsgespräche auf und analysieren sie anschließend mit den Schülern. Beispielsweise ist es wichtig, wie die jungen Leute sitzen. Es ist für die Schüler interessant zu sehen, worauf die Unternehmen achten. Mit etwa 100 Schülern haben wir diese Veranstaltungen schon durchgeführt. Außerdem bieten wir Praktikantenplätze an.

Was sagen die Lehrer zu der Patenschaft?

Weissenberger: Das ist natürlich der Dreh- und Angelpunkt. Die Lehrer wollen wir unbedingt mitnehmen. Anfangs gibt es manchmal etwas Scheu vor dem direkten Draht zur Wirtschaft. Aber wir haben die Lehrer in die Firma eingeladen und ihnen gezeigt, was wir vor Ort machen. Dann war das Eis gebrochen. 15 bis 20 Lehrer engagieren sich inzwischen. Das ist sehr erfreulich.

Thiele: Wirtschaft und Bildung - da muss sich mehr tun. In den vergangenen Jahren gab es in dem Bereich zwar schon Bewegung. Früher hatte man zum Beispiel selten Praktikanten in den Unternehmen, heute arbeiten das ganze Jahr über welche in den Firmen. Die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und der Stadt ist in Neu-Isenburg sehr gut. Im Ausbildungsforum sind die IHK, die Agentur für Arbeit, Unternehmen, zahlreiche Schulen und das Jugendbüro vertreten. Auf diese Weise lernen sich Lehrer und Unternehmer kennen. In dem Ausbildungsforum wird dafür gesorgt, dass die Hemmschwelle, die Herr Weissenberger meinte, abgebaut wird. Und wir haben in unserem Unternehmen oft Klassen zu Besuch. Grundsätzlich muss ich aber sagen, es gibt noch unheimlich viel zu tun. Es gibt Hemmschwellen zwischen Schulen und Unternehmen im Kreis Offenbach. Beim Zusammenwachsen muss mehr getan werden - sowohl von der Unternehmer- wie von der Schulseite her.

Weinbrenner: Meine Vision ist, dass wir in Stadt und Kreis Offenbach mal ein Unternehmer-Gymnasium haben werden. In ihm sollten die Jugendlichen ganz normal ihr Abitur machen können. Daneben sollten sie am Nachmittag in Arbeitsgruppen die Grundzüge beispielsweise der Betriebswirtschaft und Unternehmensführung lernen. Die Schüler können sich so quasi auf die Selbstständigkeit vorbereiten. Das Ganze sollte von Unternehmen gecoacht werden. Sie könnten quasi als Paten auftreten. Es gibt so was schon - in Bayern und in Schweden.

Welche Erwartung haben Sie an die Lehrer?

Thiele: Sie müssen sich Gedanken darüber machen, was die Schüler nach der Schule machen. Hier muss viel mehr getan werden. Ein Beispiel ist eine Aktion, die wir gemacht haben. Die Welt wächst wegen der Globalisierung zusammen. Es gibt kaum noch Nationalökonomien. Immer mehr junge Menschen gehen ins Ausland. Sie lernen andere Mentalitäten und anderes Wirtschaften kennen. Wir haben uns mit zwei jungen Menschen zusammengesetzt, die Praktika in Peru und Paraguay absolviert haben. Mit ihnen haben wir eine Ausstellung entwickelt, sie hieß Bildung durch Engagement. Die Resonanz bei den jungen Leuten war unheimlich groß. Das ist wichtig: Jugendliche dürfen sich nicht nur mit dem beschäftigen, was in Deutschland läuft.

Weinbrenner: Stichwort Globalisierung - die IHK hat ein Projekt aufgelegt: Wir gehen in die Schulen und berichten über die Auswirkungen der Globalisierung aus mittelständischer Sicht. Wir machen das mit Unternehmern. In den Leistungskursen für Wirtschaft und Politik bieten wir den Unterricht an. Das ist natürlich sehr praxisnah. Wir können die Rolle der Mittelständler bei der Globalisierung gut darstellen. Da muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Was müssten Lehrer anders machen?

Thiele: Sie müssen offener werden für die Interessen ihrer Schüler. Wenn sie die nicht kennen, können sie den Schülern auch nicht weiterhelfen. Lehrer können die Neigungen ihrer Schüler am besten erkennen.

Was müssen Schüler anders machen?

Weissenberger: Ein Beispiel: Wir konnten von sieben Lehrstellen bisher nur eine besetzen - für die anderen haben wir noch keine geeigneten Bewerber gefunden. Manchmal kommen junge Leute zum Bewerbungsgespräch und wissen nicht, in welchem Bereich TNT tätig ist. Ich denke, die Jugendlichen müssen sich besser vorbereiten und mehr anstrengen. Beim Rechnen und Schreiben tun sich viele schwere. Bei Fremdsprachen wie zum Beispiel Englisch gibt es ein gutes Niveau.

Herr Thiele, sind deutsche Schüler so schlecht wie ihr Ruf oft ist?

Thiele: Ich glaube nicht, dass sie so schlecht sind. Ich denke, es gibt ein anderes Problem. Lehrer müssen Schüler neugierig aufs Wirtschaftsleben machen. Ein Beruf ist ja nicht nur etwas zum Geldverdienen, sondern etwas, das Spaß machen soll. Wir reden immer über die Ausbildungsreife von Schülern. Es ist Pflicht der Lehrer dafür zu sorgen, dass die Jugendlichen Praktika machen und auf diese Weise neugierig auf den Beruf werden. Da haben die Lehrer noch eine sehr, sehr große Aufgabe vor sich.

Weinbrenner: Auch die Eltern sind teilweise ein Problem. Die IHK veranstaltet Elternfrühstücke. Wir wollen den Eltern zeigen, welche Möglichkeiten einer Berufsausbildung es gibt. Der Berufswunsch wird natürlich auch mit von dem geprägt, worüber zu Hause gesprochen wird. Wenn nur fünf Berufe bekannt sind, ist es für Jugendliche schwierig, sich für das Berufsleben zu interessieren. Das Elternhaus ist wichtig.

Thiele: Wir haben in Neu-Isenburg mal ein Elternzeugnis entwickelt mit der Gruppe „Alt hilft Jung“. Schüler haben ihre Eltern beurteilt. Über welche Berufe haben sie mich informiert? Welche Gedanken machen sie sich um meine Zukunft? Dabei kam heraus, dass sich sehr viele Eltern nicht um die Zukunft ihrer Kinder gekümmert haben. Mein Fazit: Eltern haben häufig das Thema Erziehung an die Schulen abgegeben.

Wir arbeiten mit dem Jugendbüro zusammen, um den jungen Leuten eine Hilfestellung zu geben. Wir beschreiben in unserer Stadtillustrierte vier Mal im Jahr Berufe mit Zukunft. Auf diese Weise können Eltern und Schüler sehen, dass die Spannbreite bei den Berufen groß ist.

Weissenberger: Es wäre zu einfach, nur die Lehrer für die Probleme beim Bildungsstand der Schulabgänger verantwortlich zu machen. Das Elternhaus hat einen großen Einfluss. Nehmen Sie zum Beispiel die Berufsbildungsmesse in Mühlheim. Eltern sollten ihre Kinder unbedingt dort hinschicken, denn sie können sich dort über viele Ausbildungsmöglichkeiten informieren.

Wie finden Sie Ihre Auszubildenden?

Thiele: Wir müssen leider viele Bewerber ablehnen. Wir haben das ganze Jahr über Praktikanten. Zudem absolvieren Studenten ihr Praxissemester bei uns. Wir haben auch viele Schulklassen zu Besuch. So lernen wir die Jugendlichen kennen, die für unsere Lehrstellen geeignet sind.

Weissenberger: Das kann ich bestätigen. Unsere besten Auszubildenden waren zuvor als Praktikanten bei uns. Auf diese Weise konnten wir ihre Leistungsbereitschaft beurteilen.

Wie macht sich Ihr Unternehmen als Arbeitgeber attraktiv für Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen?

Weissenberger: Wichtig ist, was nach der Ausbildung passiert. Wir haben eine hohe Übernahmequote. Und wir legen großen Wert auf Weiterbildung. Dafür haben wir ein eigenes Fortbildungsinstitut in Bonn. So können sich die Mitarbeiter laufend weiterbilden. Zuvor werden in einem Jahresgespräch Verbesserungsmöglichkeiten herausgearbeitet und positive Leistungen betont.

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