Bei Orange darf man murmeln

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Bis 17 Uhr sind die ersten Leibniz-Fünftklässler täglich in der Schule, weitere Klassen sollen im nächsten Schuljahr folgen.

Offenbach - Wie jeden Morgen steht die Ampel auf Rot. Zumindest montags bis freitags von 8. 35 bis 9. 20 Uhr. Doch die selbstgebastelte Signalanlage regelt nicht den Straßenverkehr, sondern die Lautstärke im Klassenraum 013 im Altbau der Leibnizschule. Von Katharina Skalli

Und weil im schwarzen Pappkasten der rote Kreis steckt, wissen die 31 Fünftklässler, dass Reden und Quatschmachen gerade verboten ist. Bei Orange darf man murmeln, bei Grün normal miteinander sprechen. „Das klappt sehr gut“, sagt Lisa Hunt, die am Lehrerpult sitzt und eigentlich nicht mehr zu tun hat, als da zu sein, falls einer der in Arbeitsblätter versunkenen Schüler eine Frage hat. „Die Kinder sind es gewohnt, leise zu sein“, sagt die 20-Jährige, die an dem Gymnasium im Westend ein Freiwilliges Soziales Jahr macht.

Die Klasse von Lehrer Matthias Schaefer ist anders. Es ist die einzige Ganztagsklasse der Schule. Die Zehn- bis Elfjährigen sind die ersten, die das neue Lernkonzept in Offenbach erproben. Zwischen 7.45 und 8.30 Uhr haben die Kinder Zeit, anzukommen. Ranzen werden weggeräumt, Hefte sortiert, Butterbrote gefuttert und Erlebnisse vom Wochenende erzählt. In ihren Klassenraum müssen sie erst um 8.35 Uhr. Dann wird eine Schulstunde lang in Ruhe am Wochenplan gearbeitet. „Jeder macht das, was er für nötig hält“, sagt Matthias Schaefer.

Emin arbeitet an einem Koordinatensystem

Nellie sucht auf einem Arbeitsblatt die Nomen und unterstreicht die Hauptwörter mit einem farbigen Buntstift. Ihr falle es nicht schwer, leise zu sein, sagt sie. Der Zehnjährigen gefällt es in ihrer neuen Klasse, die so ganz anders organisiert ist als die Parallelklassen des Gymnasiums. Wenn sie sich um 17 Uhr auf den Heimweg macht, hat sie Feierabend. „Meine Nachbarin muss dann noch Hausaufgaben machen“, sagt sie. „Ich nicht. Das ist cool!“ Hausaufgaben gibt es für Nellie und ihre Schulfreunde nicht. Nur wenn eine Klassenarbeit ansteht, wird Unterrichtsmaterial mit nach Hause genommen.

Emin arbeitet an diesem Morgen an einem Koordinatensystem. Schon jetzt freut er sich auf die gemeinsame Mittagspause mit seinen Freunden. „Ärgerlich ist nur, dass ich manchmal zu spät zum Fußballtraining komme, weil ich so lange in der Schule bin“, sagt der Elfjährige. Bis 17 Uhr sind die Kinder täglich in der Schule. Nur freitags dürfen sie bereits um 15.30 Uhr nach Hause.

Nach einer Pause finden jeden Vormittag zwei Doppelstunden Unterricht statt. Im Anschluss ans gemeinsame Mittagessen wird wieder frei gelernt. „Lernwerkstatt“ nennen das Schaefer und seine acht Kollegen. Die Lehrer haben sich freiwillig für das Projekt „Ganztagsklasse“ gemeldet. Sie unterrichten die Kinder und bieten nachmittags Arbeitsgruppen an.

Von 15.30 Uhr bis 17 Uhr stehen Hapkido, Mädchenfußball, Kochen, Theater, Bildhauen und andere Freizeitbeschäftigungen auf dem Plan. Wie am frühen Vormittag sind die Kinder in der Lernwerkstatt selbst verantwortlich für das, was sie lernen. „Die Schüler sollen lernen, wie man selbstständig lernt“, erklärt Matthias Schaefer. Das klappt nicht immer von Anfang an. Manche Kinder brauchen Zeit, sind erst einmal überfordert. „Wir geben den Schülern Zeit, sich daran zu gewöhnen“, versichert der Pädagoge, „wir sind davon überzeugt, dass diese Art des Lernens mittelfristig etwas bringt.“

Wissenschaftler und Studenten sammeln Hinweise

Auch die Eltern der 31 Mädchen und Jungen glauben an das Konzept. „Die Art, wie der Tag gestaltet ist, erleichtert den Kindern das Lernen“, sagt die stellvertretende Elternbeirätin Renate Schulte-Spechtel. „Gerade in Zeiten von G8.“ Außer für das Mittagessen zahlen die Eltern derzeit kein Geld.

Zum Nulltarif wird die Schule das Angebot jedoch nicht dauerhaft anbieten können. Dass im Schuljahr 2011/2012 eine weitere fünfte Klasse mit Ganztagsbetrieb startet, ist indes schon beschlossen. „Aus pädagogischer Sicht und mit Blick auf den Bedarf der Stadt ist das Projekt eine ganz wunderbare Idee“, findet Schulleiter Christoph Dombrowski. Ein neues Lehrerteam hat sich bereits gefunden. Wie die Lehrer um Matthias Schaefer werden auch sie ihre Arbeit absprechen und den Unterricht fächerübergreifend gestalten.

Während ihr Klassenlehrer noch Material zusammensucht, sind die Schüler weiter leise. In seinen Oberstufenkursen sei das nicht so, sagt Schaefer. „Wir müssen in den Schulen so arbeiten, dass Eigenverantwortlichkeit wachsen und entstehen kann.“ Begleitet wird das Projekt vom Fachbereich Pädagogische Psychologie der Goethe-Universität in Frankfurt. Die Wissenschaftler und Studenten sammeln Hinweise, wie Lernvorgänge und Arbeitshaltung optimiert werden können.

Am morgigen Samstag, 15. Januar, stellt sich auch die Ganztagsklasse der Leibnizschule beim Tag der offenen Tür vor. Die Lehrer präsentieren das Konzept und führen durch die Räume an der Parkstraße. Interessierte Eltern und Viertklässler sind zwischen 9 und 12 Uhr in den Altbau am Dreieichpark eingeladen, das Projekt kennenzulernen.

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