Leibnizschüler stellen Fragen

„Falscher Politik ausgeliefert“

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Aufmerksam verfolgten Leibnizschüler aus den Politik-Kursen die Ausführungen der Landtagskandidaten in der Sporthalle des Neubaus. Überraschende Antworten etwa zu Fluglärm, Schuldenbremse und Integration bekamen sie indes nicht zu hören. Die Parteivertreter wiederholten im Wesentlichen bekannte Positionen.

Offenbach - Das Desaster rund um die Einführung der verkürzten Gymnasialzeit beschäftigt die Leibnizschüler. Sie haben den Kandidaten der Parteien aus dem Wahlkreis bei einer Podiumsdiskussion auf den Zahn gefühlt. Von Fabian El Cheikh

Erstmals müssen sich ältere Leibnizschüler am 22. September entscheiden, welchen Politikern und Parteien sie ihr Vertrauen schenken. Dass es nicht mehr so viele Gymnasiasten sind, die noch während ihrer Schulzeit an die Wahlurne treten dürfen, ist dem beschleunigten Abitur geschuldet, dass die jetzige CDU/FDP-Landesregierung vor neun Jahren eingeführt hat.

Wie sehr diese politische Entscheidung den Alltag der nunmehr zweiten G8-Generation verändert hat, wird in der Äußerung eines Schülers deutlich, der die zur Podiumsdiskussion in die Sporthalle geladenen Direktkandidaten für die Landtagswahl – Stefan Grüttner (CDU-Sozialminister), Heike Habermann (SPD), Paul-Gerhard Weiß (in Vertretung für seinen FDP-Parteikollegen Oliver Stirböck), Tarek Al-Wazir (Grüne) und Dieter Faulenbach da Costa (parteilos für die Linke) – mit Kritik konfrontiert: „Wir müssen jede Woche 50 Stunden aufbringen für Unterricht, Lernen und Hausaufgaben. Das ist ein bisschen zu viel“, klagt der junge Mann, „und sogar länger als die Arbeitszeit meines Vaters.“

Als Vertreter der Landesregierung richtet sich die Kritik in erster Linie an den Sozialminister Stefan Grüttner. Der Offenbacher, dessen Stellungnahmen zu Themen wie Bildung, Fluglärm und Schuldenbremse im direkten Vergleich mit seinen Podiumsnachbarn augenscheinlich am ehesten der Aufmerksamkeit der Schüler entgleiten, lässt sich nicht beirren: „Ja, es muss Veränderungen geben, deswegen haben wir die Wahlfreiheit eingeführt. Wer G9 will, macht wieder G9.“

Mehrfach prangert der grüne Landtagsabgeordnete die „Arroganz und Besserwisserei“ der Landesregierung an, wofür die G8-Einführung ein „Paradebeispiel“ gewesen sei. Wirkliche Wahlfreiheit bestehe nicht, solange es Einzelklassen nicht möglich sei zu entscheiden. „Es wäre gut gewesen, alle Schulen an einen Tisch zu holen, um politisch moderiert flächendeckend G8 und G9 anzubieten.“ Für die Schüler, die vor ihm sitzen, sei diese Debatte zu spät. „Sie erleben, wie falsche Politik eben auch ihre Auswirkungen hat.“

Einsichtiger als der Koalitionspartner zeigt sich die FDP. Prinzipiell stehe seine Partei zwar zur kürzeren Schulzeit, betont Paul-Gerhard Weiß, doch er übt Selbstkritik: „Der größte Fehler war, dass wir den Lernstoff nicht entrümpelt haben.“

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Zu den Themen, die die Jugend umtreibt, gehört die Herausforderung der Energiewende. Welche konkreten Maßnahmen die Parteien denn planten, wollen die Schüler wissen. Grüttner verweist auf die Zielsetzung des Landes, bis 2050 „weitestgehend den Bedarf durch regenerative Quellen“ decken zu wollen. Man habe zwei Prozent der Landesflächen für Windkraft ausgewiesen, weitere Maßnahmen scheiterten aber auch an der mangelnden Ertüchtigung der Stromleitungen. „Besonders wichtig ist daher auch unser Konzept, den Verbrauch zu verringern.“ Und: „Wir gehen nicht unbedingt den schnellsten, aber den klügsten Weg.“

Weiß adressiert ein entscheidendes Faktum, das die Energiewende in Verruf bringt: „Das große Problem ist, dass die Kosten für jeden einzelnen Bürger, aber auch für Unternehmer aus dem Ruder laufen.“ Es würden „marktwirtschaftliche Mechanismen“ benötigt, die verhinderten, dass Erzeuger von Solarenergie, etwa Besitzer von Einfamilienhäusern, nicht auch dann noch viel Geld erhielten, wenn ihre Energie gar nicht ins Netz eingespeist werden könne.

Auch die SPD will verhindern, dass die Kosten auf die Verbraucher umgewälzt werden. „Hessen ist bei grüner Energieerzeugung und -effizienz bundesweites Schlusslicht“, rückt Habermann die Landesregierung in schlechtes Licht. Sie setze sich dafür ein, dass Kommunen sich wieder wirtschaftlich betätigen könnten und die Energienetze rekommunalisiert würden. „Viele Bürgergenossenschaften haben sich gegründet, das wollen wir massiv unterstützen.“

Ins gleiche Horn bläst Al-Wazir: „Die Kosten für Strom sind deshalb so hoch, weil sich wie immer jede Lobbygruppe bei Schwarz-Gelb durchsetzen konnte.“ Und der ehemalige SPDler und heutige Linkenvertreter Faulenbach da Costa ergänzt: „Das Land verhindert Windanlagen auch deshalb, weil sie dem privaten Luftsport im Weg stehen.“ Da werde das Freizeitverhalten weniger den Interessen der Daseinsvorsorge aller vorgezogen.

Zweierlei wird deutlich an diesem Tag: Die Regierung gibt sich zufrieden mit dem, was sie geleistet hat; die Opposition ist scharf auf den Regierungswechsel. Dass es zu keiner richtigen Diskussion kommt, liegt allerdings auch am straffen Zeitplan der Veranstaltung. An Zeit mangelt es Schülern eben. Hoffentlich nicht auch am Wahltag.

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