Leiden für das Ideal

+
Die im Dunklen sieht man nicht: Bei der Führung im Ledermuseum ging es schließlich um die Schuhe und nicht um die Besucher.

Offenbach ‐ Ein gewiefter Hochstapler spart an einem Accessoire auf keinen Fall: den Schuhen. Denn die Fußbekleidung gilt insgeheim als verlässlicher Hinweis, wenn es heißt, die wirtschaftliche Lage des Gegenübers abzuschätzen. Teure Jeans können sich viele leisten, nobles Schuhwerk nur wenige. Von Stefan Mangold

Am Sonntag zeigte Ute Guckel einigen Besuchern im Ledermuseum unter dem Motto „Auf leisen Sohlen - Schuhe der Welt“ die Dauerausstellung. Diese Präsentation war eine ganze Weile lang nicht mehr zugänglich, weil Motten in den Glasvitrinen die Exponate gefährdet hatten. „Unglaublich, wie die da reinkommen,“ meinte die Museumsführerin halb frustriert und fast ein wenig die Tierwelt bewundernd.

„Auf leisen Sohlen“ trifft jedoch nicht für das gesamte Schuhwerk zu. Sicher gilt der Titel für die absatzlosen Mokassins, deren Leder in der Prärie beim Auftritt wohl kaum jemand hört, auf keinen Fall jedoch für die Frauenpantoffeln aus dem Iran des 19. Jahrhunderts. Die sind aus Silber, verziert mit Ornamentik. Schön anzusehen, doch bequem scheinen die nicht zu sein. Leise schritt auf deren Metallsohlen sicher keine Dame durch die Flure einer persischen Residenz.

Funktion lässt sich rasch erahnen

Meist hängt die Schuhform mit der jeweiligen Kultur eines Landes zusammen,“ erklärte Ute Guckel. Das leuchtet beim Pantoffelschuh besonders ein, der aus Arabien stammt. Hier fällt auf, dass der Schuh zwar an der Ferse hoch geht, doch die Träger treten das Schaftteil stets runter. Bei manchen Exemplaren ist es sogar auf der Sohle angenäht. Hintergrund ist, „dass die Moslems fünfmal täglich beten,“ und dabei ebenso ihre Schuhe ausziehen, wie wenn sie ein Privathaus betreten. Sich jeweils mühsam zu bücken, um die Schuhe erst auf- und später zuschnüren zu müssen, würde bald lästig werden.

Bei einigen Schuhen lässt sich deren Funktion rasch erahnen. Ein Paar Eskimoschuhe bedecken das ganze Bein „und sind aus Robbenleder. Für Wasser ist das undurchlässig.“ Auch andere Stiefel gehen über die Kniescheiben, sind aber nicht gefüttert, sondern aus dünnem Leder, wie die Reiterstiefel aus dem Westsudan.

In manchen Ländern hatte die Reiterei Einfluss auf die allgemeine Schuhmode. In Ungarn trugen noch im letzten Jahrhundert die meisten auf dem Land hohe Stiefel, „aus der Tradition des Reiter- und Hirtenvolkes heraus,“ wie Ute Guckel anhand der Beispiele bemerkte.

Besondere Geschichte mit einem Paar Schuhen aus Afghanistan

Vor dem industriellen Zeitalter waren die Schuhe ungleich teurer als heute. Ein Schuster fertigte sie aufwändig in Handarbeit. „Man kann das ahnen, betrachtet man die Preise für orthopädische Schuhe.“ In afrikanischen Ländern haben noch heute viele Einwohner nichts unter den Sohlen. Bei den dortigen Temperaturen muss das kein ständiges Malheur sein. Bitter war es in Russland im Winter zur Zarenzeit, „da behalfen sich die Armen mit Strohgeflechten.“

Eine besondere Geschichte hängt mit einem Paar Schuhe aus Afghanistan zusammen. Im Jahre 1982 floh dort ein Mann vor den Kriegswirren über den Hindukusch. Weiter als zweihundert Kilometer muss der durch Schnee gelaufen sein. Die höchste Erhebung des Gebirges liegt deutlich jenseits der 7000 Meter. Wie entsprechende Bergsteigermodelle nehmen sich die Stiefel in der Vitrine aus der Rohhaut des Yaks aber nicht aus. Dennoch erreichte der Mann sein Ziel.

Am Ende der Führung ging es auch noch um die chinesische Tradition. Für adlige Frauen im Reich der Mitte kann der Alltag nur eine Tortur gewesen sein. „Mit dreißig Jahren waren die fertig,“ erklärte Ute Guckel. Die Hofdamen bandagierten den Mädchen ab dem fünften Lebensjahr die Füße so fest, dass die vier kleinen Zehen unter den Fuß knickten. Im entsprechenden Schuh verwuchsen die Füße mit der Zeit, so dass in der Sohle ein regelrechter Knick entstand. Die Verkrüppelung entsprach dem Schönheitsideal, „der Fuß musste auf ein Lotusblatt passen.“ Es zeigt sich also: Sich nicht jeden Schuh leisten zu können, kann durchaus von Vorteil sein.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare