Leih-Ärzte als Materialaufwand

Offenbach - Antworten wären nötig. Doch es stapeln sich die Fragen. Die wesentlichen: Wie kann es mit dem Klinikum weitergehen? Wer wird künftig das Sagen haben? Von Thomas Kirstein

Momentan gibt’s über das Management der Zukunft nur Vages: Bis Januar, Februar, stehe noch die Berliner Vivantes formal im Sold, sagt der zuständige Dezernent, Stadtkämmerer Michael Beseler. Mitte Dezember sollten Zahlen und Daten vorliegen, aufgrund derer die Verantwortlichen entscheiden müssten, wie es weitergehe.

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Offizielles politisches Credo ist der Erhalt des Klinikums in kommunaler Hand. Jedoch gilt eine Privatisierung nicht mehr durchweg als unvorstellbarer Sündenfall, falls sich kein öffentlicher Partner findet, der sich auf das Abenteuer Offenbach einlässt. Immerhin wird eine Management-Option für möglich gehalten: Franziska Mecke-Bilz, von Vivantes entsandte Interims-Geschäftsführerin könnte den Arbeitgeber wechseln und in Offenbach tätig bleiben. 2011 wird die Klinik einen Betriebsverlust von 25 Millionen einfahren, hinzu kommen 17 Millionen an Zinsen und Tilgung für den mit großer Verspätung in Betrieb genommenen 160-Millionen-Neubau. Das Jahresergebnis von 2010 ist von den Wirtschaftsprüfern noch nicht abgesegnet, weil ein Dreijahresplan fehlte. Die laut Beseler für einen verlässlichen Wirtschaftsplan erforderlichen Daten ermitteln externe Berater, die Franziska Mecke-Bilz anfordern durfte. Das verursacht neue sechsstellige Kosten, ist laut Kämmerer aber unumgänglich: „Jede Geschäftsführerin hat das Recht, sich das Personal zu holen, das sie braucht, niemand hält sich einen Stab von Fachleuten vor.“

Berater haben am Klinikum schon immer gut verdient. Eine Aufstellung der Kosten gibt es noch nicht. Unsere Zeitung konnte allerdings einen Blick auf Unterlagen des Rechnungsprüfungsamts werfen, nach denen allein die 2002 vereinbarte Geschäftsbesorgung durch die Wiesbadener Horst-Schmidt-Kliniken jedes Jahr mit mehr als einer Million Euro zu Buche schlug.

Eine der unbefriedigend beantworteten Fragen ist, wie es zum drastischen Absturz der Klinik-Finanzen kommen konnte. 2009 lag das Defizit noch bei vergleichsweise bescheidenen 4,9 Millionen. Ein Jahr später waren es 33,5 Millionen. Mit Neubau, Umzug und äußerlichen Widrigkeiten ist das kaum zu erklären.

Einem nicht öffentlichen Papier, das Vivantes dem Haupt-, Finanz- und Beteiligungsausschuss der Stadtverordnetenversammlung vorlegte, ist zu entnehmen, dass es nicht an den Klinik-Erlösen lag: die stiegen leicht um 2,8 Prozent im Jahr. Die Kosten jedoch explodierten auf vielen Ebenen, jedes Jahr insgesamt um 11 Prozent.

Auch deshalb bescheinigt Vivantes dem Offenbacher Krankenhaus im Vergleich mit anderen Häusern eine unterdurchschnittliche Produktivität. Die wird zudem durch zahlreiche, einen ganzen Katalog ausmachende, Defizite in den Strukturen des Hauses vermindert. Nach oben gingen die Personalkosten. Anstatt den seit Neubau-Beschluss verlangten Abbau von 300 Vollzeitstellen einzuleiten, produzierte die inzwischen entlassene Geschäftsleitung um Hans-Ulrich Schmidt zusätzliche Ausgaben: Offiziell blieb es bei der Kopfzahl, doch lief der Betrieb offenbar nur weiter, indem auf „Leasing-Kräfte“, darunter auch Ärzte, verpflichtet wurden. Die Kosten, wurden als „Materialaufwand“ verbucht. Extra berechnet wird auch das von Tochtergesellschaften zur Verfügung gestellte Personal. Weitere Auslagerungen, die die Investitionssumme für den Neubau niedrig halten sollten, wirken sich ebenfalls aufs Jahresergebnis aus. Ein Contracting-Vertrag mit der EVO, die Einrichtungen vorfinanzierte, muss ebenso abgestottert werden wie andere Leasing-, Miet- und Pacht-Vereinbarungen, etwa für Geräte oder Instrumente.

Zudem muss das Klinikum immer mehr Zinsen zahlen, je mehr Schulden es macht - die verdoppelten sich von 2009 auf 2010 auf 6,2 Millionen. Gleichzeitig brechen Fördergelder des Bundes weg, 2,5 Millionen fehlten 2010.

Eine Antwort gibt’s dann doch: So kann’s nicht weitergehen. Vivantes hat ein Sanierungskonzept vorgelegt. Offen ist aber, wer sich die Herkulesaufgabe mit den Offenbacher teilt.

Rubriklistenbild: © Georg

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