Notizbuch der Woche: Leistung und Versagen

Offenbach - Höchstes Lob. Sportbürovorsteher Jürgen Weil hätte sich die gegenüber dem Sportkreisvorsitzenden Peter Dinkel geäußerten Bedenken wegen der Berichterstattung über die Sportgala sparen können.

Wir haben (fast) nichts zu meckern und teilen die allgemeine Auffassung, die bislang beste Veranstaltung dieser Art im Capitol miterlebt zu haben. Es passte halt alles zusammen: echte Prominenz (Rudi Völler, Steffi Jones), kurzweilige Redner (Wolfgang Niersbach), tolle Interviews (Eigenlob für unseren Sportchef Jochen Koch), ein sich angenehm zurücknehmender Moderator (Jörg Bombach), straffe und zügige Ehrungen (Sportbüro), niveauvolle Showteile, wirkungsvolle Übertragung auf Großleinwand und eine mit drei Stunden erträgliche Länge des offiziellen Teils. Das alles führte dazu, dass nicht wie in den Vorjahren eine peinliche Massenflucht aus dem Saal an die Theke ausgelöst wurde. Fürs gemütliche Beisammensein war nach der Absage noch ausreichend Zeit. Verraten wir jetzt noch, warum oben ein „fast“ in Klammern sitzt: Die Getränkepreise im Capitol (zum Beispiel ein 0,3er Bier 3,50 Euro) passen zwar zum Gala-Anspruch, aber weniger zu einer städtischen Veranstaltung zu Ehren von Sportlern. Ansonsten: Respekt.

Es soll nicht unterschlagen werden, dass diese konzeptionelle und organisatorische Leistung im Dezernat des Oberbürgermeisters erbracht wurde. Horst Schneider kann stolz auf seine Sportbüro-Truppe sein. Und das mag ihn trösten, dass er für das Versagen an anderer Stelle seines Amtsbereichs jetzt so schmerzliche verbale Prügel einstecken muss. Auch wenn er die Verantwortung auf sich geladen hat, hat er manches, was ihm momentan um die Ohren gehauen wird, nicht in dieser Schärfe verdient.

Am Montag bemühte er sich vor den Stadtverordneten des Haupt- und Finanzausschusses um umfassende Aufklärung der Hintergründe für die Aufsehen und Zorn erregende Fällaktion auf dem Wilhelmsplatz. Sein Publikum vernahm eine schier unglaubliche Geschichte in einem verrückten Rathaus, sozusagen Murphys Gesetz, dass auch schief geht, was schief gehen kann, als Fortsetzungsgeschichte. Dem Drehbuchautor einer Bürokratenkatastrophenklamotte hätte man sie nicht abgekauft. Da sich ein Horst Schneider so etwas aber nicht ausdenken kann, sollte ihm der Ausschuss diese Verkettung unglücklicher personeller Umstände glauben.

Damit aber genug des Verständnisses und der Verzeihung. Wär’ ich Offenbacher Stadtverordneter, hätte mich der OB-Vortrag nicht rundum glücklich gemacht. Als ehrenamtlicher Vertreter der Bevölkerung dieser Stadt müsste ich es vielmehr als unglaublichen Vorgang werten, wie meine bezahlten Angestellten mir die Verantwortung für mein Informiert- oder Nichtinformiertsein in Sachen Wilhelmsplatz zuschieben. Zwei Sätze empfände ich als unverschämt: „Das notwendige Fällen von drei Bäumen wurde keinesfalls absichtlich verschwiegen. Es ist in der Simulation klar visualisiert worden“. Da schwingt doch mit, dass die Stadtverordneten nur zu doof waren, die schönen bunten Pläne richtig zu interpretieren.

Eine solche Arroganz müsste mich als Volksvertreter wie als Angehöriger des wählenden Volks erbosen. Es ist doch verdammte Pflicht und Schuldigkeit der mit Steuergeld bezahlten Damen und Herren, von sich aus umfassende Aufklärung über jedes Detail ihrer Vorhaben zu leisten, besonders wenn ein solches mit allergrößter Wahrscheinlichkeit unangenehme Debatten mit sich bringt. Und es kann auch nicht wahr sein, dass ein Papier zwecks Beschluss vorgelegt wird, in dem schon fast heimtückisch alles vermieden wird, was zur Unzeit einen Konflikt heraufbeschwören könnte. Wie das Thema Bäume als unkritischer und harmonischer Teil der Bürgerbeteiligung dargestellt und die Notwendigkeit einer Fällung umschifft wird, riecht schon nach Täuschungsversuch. Dass jeder hätte wissen müssen, dass der Schuss im Nachhinein nach hinten losgehen wird, würde mich als Stadtverordneten kaum milder stimmen.

Aber zum Glück bin ich ja keiner. Und deswegen kann mir auch kein Ärger das Wochenende verderben.

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