Mit Freude in die Schule

Bürgel - Angekommen ist Carina Sigloch längst, häuslich eingerichtet ist ihr Büro noch nicht – zumindest nicht an dem Tag unmittelbar vor den Ferien. In einer Ecke steht eine Umzugskiste mit leeren Ordnern. Von Martin Kuhn

„Das Tagesgeschäft geht  vor“, greift die Leiterin der Bürgeler Grundschule kritischen Blicken vor. Und das sind definitiv die Kinder. Seit Frühjahr ist sie im „Uhland“, wie sie ihre neue Heimat nennt. Sie fühlt sich gut aufgenommen und bereits sehr wohl. Das mit dem Karton erledigt sich vielleicht ja in den Ferien. „Urlaub? Maximal zwei Wochen. Ansonsten bin ich in der Schule. “.

Ein gutes Stichwort. Lehrerin aus Berufung? Da überlegt Carina Sigloch einen Moment. „Die Kinder haben mich gefunden“, sagt sie und verweist auf eine ungerade Vita. Der Hessische Rundfunk ist eine erste Station, dann gibt sie Akkordeon-Unterricht und arbeitet plötzlich ganz viel mit Kindern. Was sie nach wie vor fasziniert: Die Buben und Mädchen kommen mit Freude in die Schule. „Man muss sie nicht überzeugen: Sie wollen entdecken, forschen, lernen.“ Ihr Bestreben ist es, diese Motivation aufrecht zu halten. „Die Kinder sollen mit ihrer Freude wieder nach Hause gehen.“

Das Credo hört sich simpel an: Jeder kleine Schritt ist positiv. Das lässt sich an Grundlegendem festmachen, etwa dem Lesen: Aus Linien und Bögen wachsen Buchstaben, aus einzelnen Buchstaben formen sich Worte und auf einmal können die Jungen und Mädchen lesen. „Da steht ja Ball.“ Das sind solche Momente, die Carina Sigloch und ihre 15 Kolleginnen motivieren. So einfach kann Schule sein, wenn nicht Experten (auch die selbst ernannten) ständig mitreden und neue Forderungen stellen würden. Zur Überforderung ist’s mitunter ein schmaler Grad. Selbstverständlich fragen Eltern sich: Was wird einmal aus meinem Kind? Solchen Druck verspürt Sigloch jedoch eher an weiterführenden Schulen.

Es gibt nicht „den“ Grundschüler

In Bürgel beschreiten Lehrer einen Mittelweg: Mit Spaß lernen und Regeln kennen lernen. Dass es dennoch Unterschiede gibt, ist für die Schulleiterin natürlich. Es gebe nicht „den“ Grundschüler: „Manche lernen schneller, manche etwas langsamer.“ Aber die Grundrichtung gibt der Lehrauftrag vor? „Ja, aber jede Schule kann eigene Duftmarken setzen. Die Frage ist doch: Wie setze ich das im Unterricht um?“ Da bringe jeder Kollege seine Erfahrungen mit und ein.

Wie diese aussehen, ist für viele Kinder ab der kommenden Woche neu. Am Dienstag werden in Bürgel drei erste Klassen gebildet. Allein die vierte Jahrgangsstufe ist vierzügig: „Wir haben noch freie Räume.“ Ganz anders im benachbarten Rumpenheim. Dort platzt der zehn Jahre alte Schulbau inzwischen aus den Nähten, und es wird inzwischen eine Container-Lösung nötig. Eine Kooperation wäre sicher nahe liegend, ist allerdings ein Fall für die Schulpolitik: „Es gibt hier keinen Überschneidungsbezirk“, sagt Sigloch, die vor dem Wechsel stellvertretende Leiterin der Eichendorffschule gewesen ist.

Ein spezielles Erbstück in Bürgel ist der Schulhof, für dessen naturnahe Umwandlung schon ein Förderverein gegründet und Geld gesammelt wurde. Die lang erhoffte Sanierung ist ausgesetzt. Die Schulgemeinde muss abwarten, bis das städtische Programm zur Schulsanierung und -erweiterung auch Bürgel erreicht. Ursprüngliche Priorisierung: frühestens 2014. Es mangelt nicht allein an adäquaten Spielflächen. Was mitunter ebenfalls fehlt an Grundschulen, ist eine nicht definierte Männerquote.

Der Frauen-Anteil liegt bundesweit in Grundschulen bei nahezu 90 Prozent, in Kindergärten sogar bei 98 Prozent, was teils als problematisch gerade für Jungs erachtet wird. „Das kann ich nicht unterschreiben“, sagt Carina Sigloch, die  Mathematik, Werken und Musik unterrichtet, fügt aber hinzu: „Ein männliches Vorbild wäre schon gut.“ Vor allem in den Fällen, wenn die Familie nicht mehr aus Vater, Mutter und Kind besteht.

Rubriklistenbild: © dpa

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