Leitsystem für Blinde

Ästhetik hat meist Vorrang

+

Offenbach - Der Blindenbund kritisiert das Offenbacher Leitsystem: Am fast fertigen Stadthof und am Marktplatz reicht die Mängelliste von „nicht gut gelöst“ bis hin zu „lebensgefährlich“. Von Sarah Neder 

Susanne Reith holt einen Zollstock aus ihrer Handtasche und misst die Breite des weißen Bodenbelags zu ihren Füßen am Marktplatz: „Zu klein!“, moniert die Vertreterin des hessischen Blinden- und Sehbehindertenbunds. Dann legt sie Maß an der Bordsteinkante an: „Immerhin passt der Abstand.“

Nebenan am Stadthof sollen die umfangreichen Bauarbeiten in den kommenden Wochen fertiggestellt werden. Künftig sollen auch dort in die Gehsteige eingelassene Markierungen Blinden und Sehschwachen helfen, sich in der Stadt zurecht zu finden. Zwar waren neben städtischen Ämtern auch Blinde in die Planung einbezogen, doch Reiths Blick durch den Bauzaun offenbart: „Das ist sehr schlecht gelöst.“ Die Rehabilitationslehrerin ist Expertin für Mobilität und Barrierefreiheit von Blinden und Sehbehinderten, hat selbst zwei Betroffene in der engeren Familie. Sie hat das Blinden-Leitsystem in der Offenbacher Innenstadt unter die Lupe genommen und diverse Mängel ausgemacht.

Es geht um sogenannte Bodenindikatoren, mit Rippen oder Noppen bestückte Steine, die mit Füßen oder Blindenstock ertastbar sind. Worüber Sehende im Alltag oft hinwegblicken, ist für Nichtsehende wichtig für die Orientierung und warnt sie vor Gefahrenzonen. Ist die Verlegung der Steine nicht korrekt, kann das verheerende Folgen haben. „Die Mängel reichen von ‘nicht gut gelöst’ bis hin zu ‘lebensgefährlich’“, erklärt Reith das Gefahren-Spektrum.

Eine lange Liste

Rippensteine die blinde Frau vor der Straße.

Ihre Beschwerdeliste ist lang: In der Frankfurter Straße gebe es keine Leitlinie, an der sich Blinde orientieren könnten – Stände, Stühle und Bäume stellten sogar zusätzliche Hindernisse dar. Bei einigen Bushaltestellen am Marktplatz fehle es an Einstiegsfeldern, die anzeigen, wo die Bustür öffne. Die vorhandenen seien zu klein und die Rippen der Steine zu schmal. Blinde könnten sie nur schwer ertasten. Bei der Fußgänger-Überquerung am Marktplatz findet sie die Situation noch heikler: „Da der Bordstein auf Null-Niveau abgesenkt ist und kein Bodenbelag auf die stark befahrene Straße hinweist, ist das für Blinde echt gefährlich“, warnt die 31-jährige Mobilitätsexpertin.

Im Rathaus weiß man um diese Probleme, wie Stadtplaner Frank Seubert einräumt: „Weil es aber Pläne für einen Umbau des gesamten Marktplatzes gibt, müssen behindertengerechte Erneuerungen oder Erweiterungen derzeit noch warten.“ Der Umbau am Stadthof ist derweil schon in den letzten Zügen.

Trends sind wichtig

Vor dem Südeingang des Rathauses sind bereits graue Pflastersteine verlegt, in die wiederum graue Bodenindikatoren eingelassen wurden. Expertin Reith ist dennoch unzufrieden, weil sich die Steine farblich kaum voneinander abheben. „Sehbehinderte, die noch hell und dunkel unterscheiden können, finden den Pfad wegen des schwachen Kontrasts nur schwer“, kritisiert sie. Wer einen Behindertenausweis beantragen will, muss ins Rathaus.

Bei der Stadt weist man die Kritik von sich: „Schon bei der Planung haben wir Vertreter der Offenbacher Blindenbezirksgruppe hinzugezogen“, argumentiert Frank Seubert. Doch die Optik der Bodenindikatoren entspreche nicht immer den Vorstellungen der Architekten. „Wir mussten da einen Kompromiss finden“, erläutert der Stadtplaner. „Auch bei Bodenbelägen gibt es eben Trends“, beklagt Susanne Reith. Städtebauliche Ästhetik sei leider oft wichtiger als Barrierefreiheit.

Die häufigsten Augenkrankheiten

Die häufigsten Augenkrankheiten

Offenbach sei aber kein Einzelfall. Die Expertin hat solche Planungsmängel auch bei geschätzt 90 Prozent der Frankfurter Projekte beobachtet. Das größte Problem: Verbände und Betroffene würden nicht oder erst zu spät in die Planung miteinbezogen. Zudem gebe es kein einheitliches Prinzip, an das sich alle Kommunen halten. „Es gibt zwar eine DIN-Norm für Bodenindikatoren, aber die gilt als überholt.“ Deshalb erstellt diesbezüglich jede Kommune ihren eigenen Leitfaden.

Die Stadt Offenbach hat Leitlinien bisher nach drei verschiedenen Konzepten verlegt, was bei Blinden und Sehbehinderten für Verwirrung sorgt. Markierungen aus Natursteinen erwiesen sich als unzulänglich, bei den veralteten Bodenindikatoren hingegen sind die Rillen kaum ertastbar. Beim Stadthof kam das dritte und neueste Konzept zum Einsatz. Zwar sei die dunkle Farbe nicht optimal, aber immerhin stimmten Breite und Rippentiefe der Steine, so Reith.

Mehr zum Thema

Kommentare