Lernen aufeinander einzugehen

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Kinder mit und ohne Handicap standen im Mittelpunkt des Festes am Samstag auf dem Wilhelmsplatz. Es gab Spielattraktionen und Aktionen wie am Stand von Anette Bacher und José Madeira-Pires von der katholischen Caritas, wo die Kleinen in verschiedenen Sprachen ein Transparent bemalten unter dem Motto der Interkulturellen Wochen - „Herzlich Willkommen - Wer immer Du bist!“. Dieses Gemeinschaftswerk wird heute dem neuen Sozialdezernenten Felix Schwenke im Rathaus überreicht.

Offenbach - Es muss erst noch in die Gänge kommen, das „Inklusive Kinderfest“ auf dem Wilhelmsplatz. Wo die Stände stehen sollen, liegt anfangs noch der Müll vom Markt herum. Passanten verlangen vergeblich nach Kaffee am Tisch von Brigitte Koenen. Von Stefan Mangold

Der Schlüssel für den Stromkasten fehlt. Später ist das alles vergessen, als die Kinder auf der Hüpfburg turnen und Koenen, die grüne Vorsitzende des Kultur-, Schul- und Sportausschusses im Stadtparlament, neben Kuchen auch Kaffee verkauft.

Der Erlös des Kinderfestes, das den Wilhelmsplatz am Samstag anlässlich der Interkulturellen Wochen zu einem großen Spielplatz macht, geht an IGEL-OF, die Initiative Gemeinsam Lernen für Stadt und Kreis Offenbach. Deren Arbeit basiert auf der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die 2009 in Deutschland in Kraft trat. Nicht der behinderte Mensch solle sich in die Gegebenheiten einfügen, heißt es, „sondern wir müssen alle gesellschaftlichen Bereiche seinen Bedürfnissen entsprechend anpassen und öffnen“, kommentiert Hubert Hüppe, der Bundesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen, die Ratifizierung der Charta.

„Behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen in einer Klasse“

Auf diese berufen sich nämlich viele Eltern behinderter Kinder, die der sogenannten Inklusion das Wort reden. „In der Praxis bedeutet Inklusion etwa, dass behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen in einer Klasse sitzen“, erklärt Koenen, deren neunjähriger Enkel mit Down-Syndrom in Frankfurt eine anthroposophische Schule besucht.

Vorteile des gemeinsamen Unterrichts haben beide Seiten, betont Dorothea Terpitz, die Vorsitzende von IGEL. Zum einen lernten die Behinderten schneller von ihren Mitschülern, zum anderen sei es durch Studien erwiesen, dass nicht Behinderte ein höheres Niveau sozialer Kompetenz entwickeln. Terpitz verweist auf ihre Erfahrungen mit dem eigenen Sohn, in dessen Grundschulklasse ein Junge mit Asperger-Syndrom saß, eine Facette im Spektrum des Autismus’. Die Kinder hätten gelernt, auf den Jungen einzugehen, „in der Klasse ging es viel ruhiger zu als in anderen“. Das bestätigt auch Wolfgang Christian, der als Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nach Offenbach gekommen ist. Der pensionierte Lehrer hatte in den sechziger Jahren ein behindertes Mädchen in einer Grundschulklasse, „alle haben davon profitiert“.

Das hessische Schulgesetz formuliere als Ziel die Inklusion, sagt die Pädagogin und Psychologin Barbara Cárdenas aus Dietzenbach, die für die Partei Die Linke im Landtag sitzt. Allerdings hapere es mit der Umsetzung: „Der Druck muss von unten kommen, von Eltern und Mitstreitern.“

„Hessen will einen Präzedenzfall vermeiden“

Dorothea Terpitz betont, Inklusion koste die öffentliche Hand nur in der Übergangsphase mehr, solange die einen behinderten Kinder noch Förder- und die anderen schon Regelschulen besuchten. Später übernähmen die Regelschulen die Fachkräfte aus den Förderschulen. Letztere habe beispielsweise Bremen einfach dicht gemacht, „die Folge war Chaos“. Im Moment verweise das Land Hessen aus Kostengründen die Eltern wie bisher an Förderschulen, sorge jedoch für Integrationshelfer, „wenn Eltern gerichtlich klagen“. Ein Urteil habe es noch nicht gegeben. „Hessen will einen Präzedenzfall vermeiden.“

Geworben wird auf dem Wilhelmsplatz für die Gründung des Netzwerks für Inklusion in der Stadt Offenbach. FDP und Linke unterstützen es, zusammen mit den Grünen, der SPD und der Lebenshilfe, der Oliver Bode angehört – Vater der sechsjährigen Anthea, die ebenfalls am Down-Syndrom leidet. Durch Inklusion erhofft sich Bode, „dass unser Kind in zwanzig Jahren über die Straße laufen kann, ohne dass jemand komisch guckt“.

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