Neuerscheinungen machen Demokratie und Politik zum Thema

Lesenswerte Kinderbücher im Offenbacher Klingspormuseum

Stephanie Ehret und Dorothee Ader
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Stephanie Ehret und Dorothee Ader präsentieren in der Ausstellung im Klingspormuseum Kinderbücher mit politischem Inhalt.

Die Internationale Kinderbuchausstellung im Klingspormuseum darf coronabedingt nicht gezeigt werden. Buchwissenschaftlerin Dorothee Ader und Diplom-Bibliothekarin Stephanie Ehret sind trotzdem dabei, alles wie sonst aufzubauen. Aufmerksam geworden sind sie auf neuartige Kinderbücher, die Demokratie und Politik zum Thema machen – mehr als je zuvor. „Man kann sie jetzt kaufen“, empfehlen die beiden Kuratorinnen des Museums unisono.

Offenbach – Ader, Mutter dreier Kinder: „Mit der Erziehung zu demokratischem Denken und Verhalten kann man nicht früh genug anfangen. Wenn das so originell und attraktiv wie in diesen Neuerscheinungen geschieht, ist das sehr erfreulich.“ Ehret sagt dazu als Mutter zweier Kinder: „Schon Kindergartenkinder bekommen ja mit, was geschieht, gleich ob es ums Corona-Virus geht oder die Wahl des amerikanischen Präsidenten. Das sollte kindgerecht verarbeitet werden.“

Offenbar hat die Pandemie dieses Bewusstsein geschärft – bis hin zu den Designern und Kinderbuchautoren. In Brasilien weiß man es zurzeit besonders gut, dass man von klein auf um Demokratie kämpfen muss. 2017 hat sich um die Autoren und Illustratoren Larissa Ribeiro, André Rodrigues, Paula Desgualdo und Pedro Markuhn eine Initiative gebildet, die Kinder in Workshops über Demokratie informiert. Es blieb nicht bei der Information, es wurde gehandelt.

„Im Dschungel wird gewählt“ heißt das entstandene Kinderbuch, eine hinreißend illustrierte und geschriebene Fabel über Politik, Demokratie und freie Wahlen, geschrieben von und mit Kindern für Kinder. Das von Amnesty International empfohlene Werk hat die Qualität zum Bestseller. Darin geht es um einen Löwen als Dschungelkönig, der nur an sich selbst denkt.

Seine Tieruntertanen haben die Schnauze voll von der Löwenwillkür und fordern unter lautem Protest eine geheime Wahl. Nach demokratischen Regeln werden Komitees gebildet und Wahlkampagnen vorbereitet: „Jedes Tier kann kandidieren…Bestechung mit Geschenken wird verboten…Gegner dürfen grundsätzlich nicht aufgefressen werden.“ Bei der Wahl buhlen der Löwe („Ich bin ein starker Präsident“), die bodenständige Schlange („Ich bin eine Schlange aus dem Volk“) oder das soziale Faultier („Ich werde ein Präsident der Gelassenheit“) um die Wählergunst. Sie verteilen Flyer, machen Selfies, treten im Fernsehen auf – und reden sehr, sehr viel. Es gibt Sticheleien, leere Versprechen und einen Wahlsieger – wie im echten Leben.

Ader empfiehlt auch das Kinderbuch „Fragen an Europa“. Es ist an der Universität Würzburg entstanden und eine Diplomarbeit der Gestalterin Paula Riek. In kindgemäßen Bildern und berechtigen Fragen wie „Darf jeder nach Europa? Worüber sind wir uns nicht einig? Was ist das Beste an Europa?“ wird schon in frühem Alter innere Beteiligung an Europa vorbereitet. Fragen zu Aufbau und Funktion der EU werden durch Klappelemente spielerisch beantwortet. Volles Risiko geht zu diesem Thema das Kinderbuch „Eine Wiese für alle“, indem sich helle Schafe voller Lebenslust am europäischen Steilufer tummeln – bis ein schwarzes Schaf im Meer auftaucht und ums Überleben kämpft. Dann folgen geschwärzte Seiten…Die Leser können nun entscheiden, ob sie das fremde Schaf untergehen lassen wollen oder sein Leben mit retten wollen. Bei der zweiten Möglichkeit geht die Geschichte weiter, die laut UNO-Flüchtlingshilfe Mut machen soll.

Bei Europa kommt man nicht an Deutschland vorbei. Die Entwicklung beider deutscher Staaten deshalb das von Franziska Gehr und Horst Klein im freien Comic-Stil illustrierte Buch „Hübendrüben“: „Als deine Eltern noch klein und Deutschland noch zwei waren.“ Darin ist in Alltagsszenen schwer zu unterscheiden, wo denn nun „die Guten“ saßen, wer freier und wer gleicher war. Nicht nur für dieses keineswegs unpolitische Buch gilt, dass es auch für Erwachsene geeignet ist.

Unter die Haut gehen andere Kinderbücher wie das aus dem Schwedischen übersetzte „Die Bestimmer“ („eine Geschichte über Macht und das Recht, nein zu sagen“), „Die Mauer“ oder „Die Klimaschweine“. Völlig aktuell ist das Buch „Der Tag, an dem die Welt verschwand“ zum Corona-Jahr 2020 und seiner privaten Bewältigung in Familie und Gesellschaft, geschrieben und gezeichnet vom Autorenkollektiv „Gretas Freunde“. Beim Lesen und Betrachten der traurigen, aber auch tröstlichen Kapitel kann man nur sagen „Ja, so war es, so ist es“.

Von Reinhold Gries

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