Die letzte Chance vertan

Offenbach ‐ Es ist kurz vor 11 Uhr gestern Vormittag, und Okan Y. schweigt. Er verspielt mit dem Verzicht auf das ihm als Angeklagten zustehende letzte Wort zugleich die letzte Chance, mit einem blauen Auge davon zu kommen. Von Matthias Dahmer

Aber das Schweigen - statt der zuvor groß angekündigten Entschuldigung bei den Eltern der Opfer - passt nahtlos zu seinem Verhalten während des gesamten Prozesses. Es war für alle Beteiligten eine teilweise bis ans Unerträgliche grenzende Provokation. Zu drei Jahren Gefängnis verurteilt Strafrichterin Zoschke den 23-jährigen Türken aus Frankfurt. Zudem darf er sich erst in vier Jahren wieder um einen Führerschein bemühen und muss die Kosten des Verfahrens tragen. Sein Anwalt Uwe Lipphardt, der auf Bewährung plädiert hatte, legt umgehend Berufung ein.

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Es ist ein überraschend hartes Urteil für die angeklagte fahrlässige Tötung. Richterin Zoschke nutzt eine Ausnahmeregelung im Gesetz. Die erlaubt es, vom vorgesehenen Strafrahmen abzuweichen, wenn sich im Verlauf der Verhandlung Gründe dafür ergeben. Und sie begründet ausführlich, warum sie sogar über die Anträge von Staatsanwaltschaft und Nebenkläger hinausgeht, warum sie die üblicherweise von Einzelrichtern am Amtsgericht zu verhängende Höchststrafe von zwei Jahren für zu niedrig hält.

Zur Erinnerung: In den frühen Morgenstunden des 8. Dezember 2008 fährt Okan Y. mit seinem schweren BMW in den Main. Er und sein Cousin auf dem Beifahrersitz können sich aus den Fluten retten, auf der Rückbank des X 5 ertrinken die zwei 17-jährige Mädchen Ambra und Leandra. Es sei zwar ein „großer, schrecklicher Unfall“ gewesen, sagt Richterin Zoschke. Doch Okan Y., der dem Gericht „eine Mischung aus Halbwahrheiten und Lügen“ aufgetischt habe, trage dafür die alleinige Schuld.

Keine Reue gezeigt

Das Gericht sieht es auf Grund der Beweisaufnahme als erwiesen an, dass der 23-Jährige in der Nacht zum 8. Dezember unangeschnallt mit mindestens 55 Stundenkilometern statt der erlaubten Schrittgeschwindigkeit auf dem spärlich beleuchteten Mainparkplatz unterwegs war und falsch reagiert hat, als sein Wagen mit einem Bauzaun kollidierte und kurz darauf im Main landete. „Sie sind gerast auf dem Parkplatz, unabhängig davon ob Sie sich dort mit anderen Autos ein Rennen geliefert haben“, so die Richterin.

Sie wertet das Geschehen als eine „Verkettung von Fehlleitungen“, die der Angeklagte alleine zu verantworten habe. Im übrigen weist sie auf seine in Tschechien erworbene ungültige Fahrerlaubnis sowie auf die zahlreichen Straßenverkehrsdelikte hin, die ihm bereits vor der Tat 14 Punkte in Flensburg eingebracht haben. Er verhalte sich so, als würde die Straßenverkehrsordnung für ihn nicht gelten. Okan Y. könne nicht mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, weil er weder ein Geständnis abgelegt, noch glaubwürdige Reue gezeigt habe, begründet die Strafrichterin weiter. „Und mit Ihrem Schweigen beim letzten Wort haben Sie auch Ihre letzte Möglichkeit vergeben, Mitgefühl zu zeigen, haben Sie die letzte Chance auf eine Bewährung vertan.“

Zuvor hatten in ihren Plädoyers Amtsanwältin Anja Wolf als Vertreterin der Staatsanwaltschaft zwei Jahre auf Bewährung sowie Alois Kovacs und Carolin Weyand als Anwälte der Eltern zwei Jahre ohne Bewährung gefordert. Auch Kovacs und Weyand attestieren Okan Y. mangelndes Mitgefühl und das „völlige Fehlen von Schuldeinsicht.“ Die Polizei am Tatort sei erschüttert gewesen von der Gleichgültigkeit des Angeklagten, so Weyand.

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