Mit dem letzten Schliff

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Sind guter Dinge: Alexander Nagel, Peter Börner (Präsident Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik) und Vincent Wicker.

Offenbach - Dreht sich eine Weltmeisterschaft darum, einen Ball hinter eine Linie zu bugsieren, fasziniert das die Massen. Wenn Vincent Wicker, Geselle für Karosserie-Bau der Firma Nagel, sein Können demonstriert, fährt der Kunde zwar mit einem reparierten Auto vom Hof an der Mühlheimer Straße, landesweite Euphorie bricht deshalb keine aus. Von Stefan Mangold

Das wird sich wohl auch nicht ändern, wenn der 20-jährige Bürgeler es bei den sogenannten World-Skills zwischen dem 5. und 8. Oktober schafft, die ramponierte Außenhülle eines Wagens binnen 22 Arbeitsstunden wieder glatt zu biegen. Vincent Wicker vertritt Deutschland als amtierender Bundessieger bei der Berufsweltmeisterschaft in London. Eine internationale Jury prämiert dann den besten Karosseriebauer für das Jahr 2011. Mehr als 900 junge Leute kämpfen in 42 Berufen um die Krone ihres Fachs. Älter als 22 Jahre dürfen die Teilnehmer nicht sein.

In Deutschland wüssten „sogar aus der Branche nur wenige von dem Wettbewerb“, bedauert Gerd Riegelhof. Der Karosserie- und Fahrzeugbauer-Meister trainiert im Auftrag des Zentralverbands für Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF) Vincent Wicker für die WM. Seit zwei Monaten ist er samstags in Riegelhofs Werkstadt im Frankfurter Gutleutviertel und übt an einer von drei Karosserien, die der Autobauer Honda als Sponsor zur Verfügung stellt. Die nötigen Richtbänke kommen vom Hersteller Car-o-Liner, einem weiteren Unterstützer.

Frontbereich, Längsträger und die Schweller zu beiden Seiten muss Vincent Wicker in London schweißen, ausbeulen und nebenbei noch einen Airbag aus- und wieder einbauen. In etwa kann er sich auf die Hürden vorbereiten. „Von einem Drittel der Aufgaben erfahren wir erst dort“, weiß der väterlich wirkende Gerd Riegelhof.

Mit handwerklichem Können alleine sei es heute nicht mehr getan, stellt ZKF-Präsident Peter Börner fest: „Früher schaffte es noch mancher, sein Fahrzeug selbst zu reparieren.“ Das funktioniert kaum noch. Die Autos seien durch die Elektronik heute auf einem technisch zu hohen Stand. „Die Gesellen müssen mit komplexen Daten auf dem Computer umgehen können.“

Anforderungen an Karosserie-Bauer enorm gestiegen

Das Handwerk sei traditionell „das Berufsfeld für Haupt- und Realschüler.“ Seit der Zeit seiner eigenen Ausbildung „sind die Anforderungen enorm gestiegen. Der Kenntnisstand der meisten Schulabgänger jedoch nicht unbedingt.“ Damit bestätigt er bundesweite Aussagen von Politikern und Verbänden.

Anders ist das bei Vincent Wicker, der sich nach der Mittleren Reife auf der Realschule für eine Lehre entschied, statt die Hochschulreife zu erlangen. „Ich muss abends sehen, was ich am Tag gearbeitet habe“, begründet der eloquente junge Mann seinen Schritt. Nervös wirkt Wicker ob der anstehenden Weltmeisterschaft nicht. „Vincent hat sehr gute Nerven“, weiß sein Chef Alexander Nagel.

Mehr Infos zur Karosseriebauer-WM in London auf der Homepage von World Skills.

Der 36-Jährige leitet die Firma in der vierten Generation und nahm selbst schon an einer WM teil. Vincent Wicker ist Wettkampf-Atmosphäre nicht fremd. Für den Wassersportverein Bürgel erruderte er schon die Deutsche Jugendmeisterschaft. Wenn Wicker nach Feierabend aus dem Betrieb geht, lässt er sich nicht mit einer Tüte Chips vor den Fernseher fallen, sondern läuft, radelt und schwimmt für die olympische Distanz im Triathlon.

Traditionell haben es Deutsche Teilnehmer bei der Berufsweltmeisterschaft nicht einfach. „Die Asiaten trainieren zwei Jahre nur auf dieses Ziel hin“, erinnert Riegelhof an die WM 2007 im japanischen Shizuoka, die ein Angestellter Toyotas gewann. Dem schenkte die Firma ein Autohaus für den Titel. Trotz der schlechteren Bedingungen landen Deutsche Teilnehmer meist im vorderen Drittel. „Vincent, wir erwarten keinen bestimmten Platz von Dir“, baut Alexander Nagel den Druck ab, den sein Geselle nicht spürt.

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