Leukämie-Patientin Sandra

Ein Leben auf der Achterbahn

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Mutter Gudrun hat Sandra in schwerer Zeit viel Kraft gegeben.

Offenbach - Sandra geht es den Umständen entsprechend gut. Sie lacht viel. Anfang 2013 war das anders: Erkältungen und Schmerzen in den Waden führen sie zum Arzt. Von Ronny Paul

Nach den Untersuchungen versetzt ihr die Diagnose Blutkrebs einen Schock, der ihr Leben verändert. „Wir haben nie an Leukämie gedacht“, beschreibt Mutter Gudrun die Fassungslosigkeit. Zweieinhalb Jahre geprägt von Leid, Schmerz, aber auch Willenskraft und familiärem Zusammenhalt hat Sandra hinter sich, ebenso eine Stammzellentransplantation. Sie arbeitet wieder als Erzieherin im Kindergarten der Markusgemeinde.

Doch die Achterbahnfahrt ist nicht vorbei. Erst fünf Jahre nach erfolgreicher Transplantation könne von einem Sieg gegen den Blutkrebs gesprochen werden, sagen die Ärzte. Daher ist sie bis heute in Behandlung: „Meine Angst ist stets, dass die Leukämie zurückkommt“, fürchtet die 30-Jährige, deren Schicksal die Offenbacher bewegt hat. Mutter, Schwester Melanie, Freunde, Bekannte und Kollegen kämpften für Sandra – auf Plakaten, im Internet, mit Mundpropaganda. Spender zu finden ist schwierig. Oberbürgermeister Horst Schneider und die Kickers standen Pate bei einer Typisierungsaktion der Deutschen Knochenmark-Spenderdatei an der Buchhügelschule im September 2013 mit 1293 Freiwilligen. „Ich möchte allen von ganzem Herzen danken, die sich für mich eingesetzt und damit auch anderen Leukämiekranken geholfen haben“, sagt Sandra unter Tränen.

Obwohl dabei kein Spender für sie gefunden wurde, habe ihr die Anteilnahme Mut und Kraft gegeben. Im September 2013 beendete eine emotionale Nachricht die Ungewissheit: Eine Spenderin aus Texas wurde gefunden. Im Oktober transplantieren Ärzte der Frankfurter Uniklinik die Spende. Die traf verspätet per Flieger ein. Nach fünfeinhalb Stunden Hoffen und Beten hatte Sandra die erste Hürde genommen. Dann die Folgebehandlung: Zeitweise 25 Pillen am Tag, Chemo, Bestrahlung.

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Die ersten 100 Tage seien kritisch: „Da zeigt sich, ob der Körper die Spenderzellen annimmt“, erläutert die Mutter, bei der Sandra bis Mai 2014 wohnte. „Sie war wie ein großes Kind.“ Körper geschwächt, Haare fielen aus. Beim Blick in den Spiegel dachte Sandra: „Das war ich und doch nicht ich.“ Müdigkeit, Übelkeit plagten sie, Depressionen. „Menschen, die das nicht mitbekommen, können es nicht nachvollziehen“, vermutet Mutter Gudrun, die wie Schwester Melanie viel mit Sandra gesprochen hat. „Beide waren immer für mich da“, sagt diese, sei es beim Essen oder Ankleiden. Besuche waren wegen das geschwächten Immunsystems lange nur vom engsten Kreis erlaubt.

Bewegung fiel schwer. „Sie ist am Anfang höchstens zehn Meter gegangen“, sagt die Mutter. Das Haus habe Sandra lange kaum verlassen. Nur ein Ausflug am Nikolaustag ins Ring-Center hat sich eingebrannt: „Die Blicke taten richtig weh.“ Gezeichnet von der Behandlung, ohne Haare, mit Mundschutz, sei es teils unter die Gürtellinie gegangen: „Menschen haben die Straßenseite gewechselt und abweisende Bemerkungen gemacht.“ Doch die Achterbahnfahrt hatte viele Höhen. Mit ihren Freunden sei sie im Kino oder tanzen gewesen, habe sich ihr Traumauto geschenkt, schwärmt Sandra mit leuchtenden Augen. Die kommen ihr auch, als sie sich an ihre Rückkehr in den Kindergarten erinnert: „Ich bin von den Kindern und dem Team herzlich empfangen worden.“ Mittlerweile lebt Sandra in ihrer eigenen Wohnung. Mit gefärbtem, vollem Haar, offener Art und häufigem Lächeln versprüht sie viel Lebensfreude. Ihr nächstes Ziel: „Ich möchte die Spenderin kennenlernen und zu ihr nach Texas fliegen...“

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