Lichtblick in der Lärmhölle?

Offenbach - „Man kommt sich vor wie im Zweiten Weltkrieg. Wir sind Fraport-Vertriebene.“ Eine Bieberer Bürgerin bringt die Situation auf den Punkt, die rund 300.000 Fluglärmgestresste spätestens seit Inbetriebnahme der neuen Landebahn erleben. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Um aufzuklären, welche Schadensbegrenzung noch möglich ist, hat die Klagegemeinschaft „Gerechtigkeit für Offenbach“ als Initiative der Stadt und der Gemeinnützigen Baugesellschaft am Freitagabend zu einer Versammlung im Stadtverordnetensitzungssaal eingeladen. Stadtrat Paul-Gerhard Weiß, die Rechtsanwälte Tobias Kroll und Ursula Philipp-Gerlach sowie Offenbachs Flughafenberater Dieter Faulenbach da Costa klären über den Stand der Dinge bei den laufenden Gerichtsverfahren, über Lärmzonen und das Nachtflugverbot auf. Das Interesse ist zwar groß, mit einen Stehplatz begnügen muss sich aber keiner der Interessierten.

Seitens Offenbach laufen derzeit Musterklagen auf zwei verschiedenen Kanälen: der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach (BIL) und der Klagegemeinschaft. Die seien zwar wichtig, aber nicht ausreichend, um sich darauf auszuruhen, heißt es. Deshalb lautet der Tenor: Um etwas zu erreichen, muss unbedingt die Bevölkerung mobilisiert werden.

Fraport-Infomobil an der S-Bahnstation Marktplatz

Rechtsanwalt Hartmut Wagner und Ehefrau Ingrid, Vorsitzende der BIL, sprechen eine klare Sprache: „Das einzige, was zählt, sind Bürger in großer Zahl in der Öffentlichkeit.“ Sie werden auch sofort konkret, welche Termine dick markiert in den Kalender gehören: Es geht los mit dem kommenden Freitag, wenn von 14 bis 18 Uhr das Fraport-Infomobil an der S-Bahnstation Marktplatz steht. „Wenn die zu uns kommen, dann gehen wir auch zu ihnen“, ruft er zur Teilnahme an genehmigten Demonstration in der Abflughalle B auf, die heute um 18 Uhr und an allen weiteren Montagen bis Mitte Dezember stattfinden. Und das ist noch nicht alles: Am 17. Dezember soll auf dem Wilhelmsplatz eine Lichterkette gebildet werden, ähnlich der Menschenkette gegen Fluglärm im September, an der mehrere Tausend Menschen teilnahmen.

Der Vorschlag, zum Fraport-Mobil die Schulen einzuladen, wird von den Verantwortlichen sofort notiert: „Die können denen gleich selbst sagen, dass sie sich weder im Unterricht noch zu Hause bei den Schulaufgaben konzentrieren können.“

Das Leben ist nicht mehr wie vorher

Ob Schulen, Seniorenheime, Krankenhäuser oder einfach die Privatwohnung - das Leben ist nicht mehr wie vorher. Von Fraport gesponserten Schallschutz (mit 150 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche viel zu niedrig kalkuliert) gibt es nur für die Schutzzone 1 und die Nacht-Schutzone und das auch nur fürs Schlafzimmer. In Schutzzone 2, die die Innenstadt und das Westend einschließt, muss jeder die Kosten selbst übernehmen. Neubauten sind in allen Zonen ohnehin nur noch in Ausnahmefällen erlaubt, der Neubau des Klinikums hätte heute nicht mehr genehmigt werden dürfen.

„Das gesamte Schallereignis ist genau so, wie vorhergesagt“, ist das Resümee von Stadtrat Paul-Gerhard Weiß nach drei Wochen Betrieb auf der Nordwest-Landebahn mit noch überwiegend harmloserer Ostwindlage. Besonders die Innenstadt und das Westend, bisher vom schlimmsten Lärm verschont, trifft es nun hart. Doch auch dieser Lärmpegel ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. In den nächsten zehn bis 15 Jahren soll der Verkehr um 50 Prozent zunehmen.

Lichtblick in der Lärmhölle

Einziger Lichtblick in der Lärmhölle: Der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel gab den Eilanträgen der Privatkläger aus Rüsselsheim und Offenbach am 10. Oktober statt und setzte die Zulassung der 17 geplanten Flüge in der Nachtkernzeit außer Kraft. Damit bestätigte er sein eigenes Urteil von 2009, in dem er diese Flüge beanstandete und das Land Hessen verpflichtete, diesen Teil des Planfeststellungbeschlusses anders zu regeln. Das Land hatte gegen die Kasseler Entscheidung Revision eingelegt. Ein abschließendes Urteil zu den Nachtflügen wird vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am 13. März erwartet. Bis dahin herrscht zumindest zwischen 23 und 5 Uhr Ruhe, „danach ist alles denkbar,“ so Rechtsanwalt Kroll.

Um im Musterklageverfahren eine Kostenlawine zu vermeiden, die bei Ablehnung des Antrags auf ergänzende Planfeststellung auf die Kläger in Höhe von bis zu 800.000 Euro zukäme, wurden nur zwei Antragsteller stellvertretend für die ganze Klagegemeinschaft ausgesucht. Jeder der 250 Mitglieder hat sich zur Finanzierung mit 500 Euro beteiligt.

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