Ein blinkendes Symbol

Offenbach ‐ Wenn es ums Offenbacher Mathildenviertel und dessen Aufwertung geht, bedient man sich gerne einer gewissen Symbolik. Von Claus Wolfschlag

So auch am Freitagabend, als 200 Interessierte trotz eisiger Temperaturen die Einweihung einer spektakulären Lichtinstallation an der Fassade des neuen Studentenwohnheims im Gebäude der ehemaligen Hartnackschule erlebten.

Die im Besitz der Gemeinnützigen Baugesellschaft (GBO) befindliche Immobilie an der Ecke Hermann-Steinhäuser-Straße/Karlstraße dient seit Oktober der Frankfurt School of Finance & Management als sogenanntes Boardinghouse.

Längerfristig wird von der Stadt das Ziel verfolgt, das Problemareal durch die verstärkte Ansiedlung von Studenten und in der Kreativwirtschaft Beschäftigten aufzuwerten. Dem dienen das unlängst sanierte „Boardinghouse I“ auf der dem Lichtobjekt gegenüber liegenden Straßenseite und das Kreativzentrum Ostpol, sowie die neue Mini-Restaurant-Attraktion „Königskinder“. In Anlehnung an den Ostpol wurde die ehemalige Hartnackschule am Freitag offiziell „Lichtpol“ getauft. Und Oberbürgermeister Horst Schneider meinte: „Wir sind auf einem guten Weg, die Strukturen in diesem Quartier positiv zu verändern. Dieser Wandel braucht auch Symbole. Die Lichtinstallation hat das Potential, ein solches Symbol zu werden.“

In warmen Rottönen gestaltete Fassade

Peter Ambros von der Bürgerinitiative der östlichen Innenstadt, die als Ideengeber zur Sanierung der beiden „Boardinghouses“ am Eingang der Hermann-Steinhäuser-Straße gedient hatte, sieht somit im „Lichtpol“ ebenfalls ein durchaus positives Zeichen für die Verbesserung der Lebensqualität des Viertels: „Es ist nun mehr los in diesem bislang nur heruntergekommenen Areal. Und das Gebäude ist nun der Höhepunkt im ganzen Viertel.“ Das passt zu den Zielvorgaben von GBO-Geschäftsführer Winfried Männche, der in seiner Ansprache für die Aufwertung weiterer Immobilien des Quartiers plädierte.

Insofern ist der „Lichtpol“ ein Schritt in diese Richtung. Die in warmen Rottönen gestaltete Fassade des Flachdachbaus wird nun auf drei Seiten nach Anbruch der Dunkelheit illuminiert. Vertikal angeordnete schmale LED-Lichtdioden von je 50 Zentimetern Länge wurden in den Fugen der Glasfassade angebracht. Im Dunkeln spielen diese nun unterschiedliche Lichtszenen durch, die von Studenten der Hochschule Darmstadt unter der Leitung des Lichtdesigners Professor Stephan Horn entwickelt wurden.

Jeweils vierminütige Lichtblitz-Inszenierungen

Die Studenten versuchten dabei, verschiedene Themen lichttechnisch zu verarbeiten, unter anderem das aktuelle Thema Integration. Die Umsetzung geriet allerdings derart abstrakt, dass kein Passant auch nur ansatzweise einen tieferen Gedanken hinter den Lichtrhythmen erkennen wird. Die Stromkosten dafür liegen, nach Angabe von Winfried Männche, bei unter einem Euro pro Tag.

Die jeweils etwa vierminütigen Lichtblitz-Inszenierungen werden in der Begleitbroschüre der städtischen Verantwortlichen in pathetischen Worten gepriesen: „Sie sind mitten in der Stadt, in einem enorm lebendigen, heterogenen, sich selbst umwälzenden Stadtteil. Sie sind intelligente und reflektierende Kunst, aber sie sind auch ein Stück Energie des Stadtteils. Sie geben Impulse in ihre Umgebung ab, sie machen eine bislang im Stadtbild weitgehend blasse Kreuzung zu einem Erlebnisort.“

Blässe kann man dem Lichtspiel allerdings nicht vorwerfen. Die LED-Module beleben nicht nur die „Lichtpol“-Fassade im teils hektischen Spiel, sondern auch die umliegende Wohnbebauung. Deren meist aus fremden Ländern stammenden Anwohner hielten sich bei der Veranstaltung am Freitagabend auch tendenziell im Hintergrund oder warfen scheue Blicke aus den Wohnzimmerfenstern.

Heizpilze, Kekse und Glühwein

Möglicher Anwohnerkritik an der grellen Straßenbeleuchtung sieht Peter Ambros gelassen entgegen. Für ihn überwiegt, dass in dem jahrelang im Niedergang befindlichen Viertel Ansätze zu positiver Veränderung erkennbar sind. Das sahen am Eröffnungsabend andere Bewohner des Mathildenviertels ebenso. Seit Jahren bereits wohnen Helma Kirchner und Helene Vigil in der nahe gelegenen Seniorenwohnanlage an der Berliner Straße. „Das Kunstwerk macht auf positive Weise aufmerksam“, meinte Vigil. Und Kirchner ergänzte: „Ich habe selber eine helle Laterne vor dem Fenster. Das gefällt mir, denn ich brauche dadurch kaum zusätzliches Licht zum Lesen.“ Der „Lichtpol“-Ansatz sei jedenfalls richtig, meinten beide. In dem Viertel müsse endlich etwas passieren, notfalls eben auch spektakulär.

Die Einweihung des Kunstwerks wurde mit Musikstücken begleitet, die der Komponist Patrik Bishay zum Lichtprogramm entwickelt hatte. Kurz nach 21 Uhr spielten zudem Blechbläser der Neuen Philharmonie Frankfurt vom Dach des Hauses Weihnachtslieder. Stimmungsvoll schallten diese über die schneebedeckte Straße. Dort labten sich die Gäste, teils unter wärmenden Heizpilzen, an Keksen und Glühwein, während im Erdgeschoss des Gebäudes Anwohner ungerührt ihre Supermarkt-Einkäufe tätigten.

Rubriklistenbild: © Georg

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