Liebe für die Literatur im Lokschuppen

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Autorin Ulrike Dreasner war mit ihrem Kurzgeschichtenband „Richtig liegen“ Gast beim Bücherfest im alten Lokschuppen.

Offenbach Im „Hafen2“ häufen sich Veranstaltungen, die es dort garantiert nie wieder geben wird. Das Kulturzentrum muss bekanntlich bald aus dem alten Lokschuppen der Hafenbahn in einen Neubau am Party-Stummel des Nordrings umsiedeln. Von Claus Wolfschlag

Ein Grund für Nostalgie, aber keiner für schlechte Laune - beim „Bücherfest Rhein-Main Offenbach“, das am Wochenende mit zehn Autorenauftritten und einem Konzert lockte, sowieso nicht.

Anfang und Ende bildeten zwei „Literarische Herbstauslesen“. Ulrike Draesner startete mit ihrem Kurzgeschichtenband „Richtig liegen“, der dem Verhältnis der Geschlechter in dessen unterschiedlichen Spielarten gewidmet ist. Ihr folgte die ebenfalls in Berlin lebende Slawistin Esther Kinsky, die in dem Porträt „Banatsko“ die einzigartige Landschaft zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien beschrieb.

Den Event-Höhepunkt bildete unzweifelhaft der Samstagabend, für den auch sechs Euro Eintritt genommen wurde, während die restliche Veranstaltung frei besucht werden durfte. Der junge Marburger Lars Ruppel gab ab 20.30 Uhr den „Poetry Slam“ zum Besten. Der Saal war selbst auf den Stehplätzen voll ausgelastet, als Ruppel locker, ohne Skript und in der Pose des Comedian seine Wortkaskaden auf das Publikum abschoss. Die Lacher waren auf seiner Seite, als er über kleine Kinder herzog. Als 16-jähriger sei er ein Flegel gewesen, bekundete er augenzwinkernd, der unter anderem Omas geschubst habe. Dann habe er die Poesie als Mittel gegen solch unvorteilhaftes Verhalten entdeckt, um nun Texte gegen Kinder zu verbreiten. Kinder würden zu wenig gehasst, witzelte der 26-Jährige. Und als leibhaftige Gegenstimme ließ er sich folglich über die Träger von Scout-Schulranzen und abgeklebten Brillengläsern aus, die einem im Supermarkt mit ihren bunten Mini-Einkaufswagen in die Hacken fahren. Und Ruppel beschrieb poetisch ein Sommergefühl samt Imitation eines Rasensprengers. Er erweckte die pflichtbewusste Figur des Platzwarts eines Kreisliga-Fußballvereins und trug ein derbes Liebesgedicht für das Nahrungsmittel Brot vor. Sein lockerer Vortrag endete mit einem bösartigen E-Mail-Verkehr zwischen zwei WG-Bewohnern.

Ihm folgte der Hamburger Michael Weins, der Abschnitte aus seinem phantasievollen dritten Roman „Lazyboy“ las. Die Geschichte handelt von einem 35-Jährigen, der sich beim Durchschreiten von Türen und Gängen plötzlich in fremden Umgebungen wiederfindet, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen ist. So genannte Wurmlöcher, also Tunnelverbindungen zwischen zwei Räumen, scheinen dafür verantwortlich und bringen den Helden in manch kniffelige Situation. Der Roman schien die Besucher dermaßen zu faszinieren, dass die ausliegenden Bücher bereits vor Lesungsende ausverkauft waren. Musikalisch wurde der Abend durch einen Auftritt der Berliner Songwriterin Kitty Solaris, begleitet von Gitarre und Keyboard, beendet.

Der Sonntag begann mit der Vorstellung von zwei Historienromane von Tilmann Röhrig („Der Sonnenfürst“) und Iris Kämmerer („Die Blutsäule“), gefolgt von den Kriminalgeschichten Tatjana Kruses („Nadel, Faden, Hackebeil“) und Roland Krauses („Der Sandner und die Ringgeister“). Den Schlusspunkt bildeten Klaus Modicks Roman „Sunset“ und Simon Urbands Debüt „Plan D“.

Mit dem Besucherandrang zufrieden zeigten sich André Hille von der Leipziger Autorenschule „Textmanufaktur“ und Britt Baumann vom veranstaltenden „Forum Kultur und Sport“. Hille, der sensibel moderierte, erklärte die inhaltliche Gewichtung: „Es sind sowohl Unterhaltungsautoren wie Literaten im engeren Sinne vertreten. Der Fokus auf die Genres ist zum Teil damit zu erklären, dass Krimis heute nahezu einen Anteil von 50 Prozent an der literarischen Produktion haben, vor allem der Regionalkrimi ist im Kommen.“

Um das Bücherfest attraktiver zu machen, wurden zudem einige organisatorische Änderungen vorgenommen. Die Zahl der Lesungen wurde auf etwa zwei Drittel reduziert, das Programm am Samstag zeitlich nach hinten verschoben. „Dieser leichte quantitative Rückgang gibt den Autoren mehr Raum für die Vorträge und die Beantwortung von Fragen“, so Britt Baumann.

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