Lieber Purismus als Punkte

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Die Ernährungswissenschaftlerinnen Doris Eschenauer (links) und Andrea Giese-Seip mit dem Redaktions-Einkauf. Uneingeschränkt empfehlenswert ist natürlich nur das Grünzeug. Für den Rest gilt: Maß halten.

Offenbach - Der Joghurt mit der Ecke ist das Böse! So böse, dass selbst die beiden Damen, die unsere Zeitung um ernährungswissenschaftliche Erleuchtung in Sachen Lebensmittel-Ampel gebeten hat, erstmal große Augen machen müssen. „Hier ist jede Menge Kram drin“, sagt Andrea Giese-Seip und dreht den Joghurt auf den Kopf, als helfe da nur noch ein Exorzismus. Von Marcus Reinsch

Stadtredakteur Matthias Dahmer guckt dazu höchstens ein bisschen schuldbewusst. Für das redaktionelle Selbsterfahrungsexperiment zur Frage, ob die Forderung von Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen nach einer aufschlussreicheren Kennzeichnung von Inhaltsstoffen in Nahrungsmitteln dem Verbraucher etwas bringe würde, hat er eingekauft, was er oft einkauft: Vollkorn-Toast, Salatgurke, Nutella, Bio-Pommes, Kellog‘s Choco Krispies, Salami, Mortadella.

Und den Klapp-Joghurt, dessen Kleinstgedrucktes nun Doris Eschenauer überfliegt wie die Zeilen einer schrägen Kurzgeschichte, die von Knusperstückchen erzählt und vom Zucker. Was interessanterweise in etwa das Gleiche zu sein scheint. Die Zutatenliste gibt auch Glukosesirup her und Aromen. Welche, das steht da nicht. „Aber welcher Mensch braucht überhaupt Aromen?“, fragt Doris Eschenauer, kennt die Antwort als Diplom-Ernährungswissenschaftlerin natürlich selbst und schiebt gleich hinterher, wie widersinnig es sei, Produkte mit überflüssigen Zusatzstoffen auszustatten, während „immer mehr Menschen schon ganz normale Sachen nicht vertragen“. Milchzucker zum Beispiel, wie er sich sogar in der Salami findet, und viel zu oft auch Weizen. Allergiker wird auch künftig nur eine möglichst detaillierte Zutatenliste vor Gefahren warnen können. Die ist schon lange Pflicht, präsentiert sich aber meist in Miniatur-Lettern als abschreckende Sammlung verwirrender Begriffe.

Ampel-Farbenlehre sieht vier Kreise vor

Die Lebensmittel-Ampel unterdessen soll potentiellen Käufern schon auf den ersten Blick Anhaltspunkte geben, was sie erwartet. Die Farbenlehre der Ampel-Befürworter sieht vier Kreise vor, die die enthaltenen Mengen an Zucker, Fetten, gesättigten Fettsäuren und Salz ins Verhältnis zur objektiv vernünftigen Menge setzen. Roter Kreis: zu viel, gelb: mittelprächtig, grün: alles ok.

Die Lebensmittelindustrie feuert dagegen, verteidigt ihr eigenes Kennzeichnungssystem, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Wobei eben diese Portionsgrößen oft eher „willkürlich festgelegt“ sind, glaubt Andrea Giese-Seip. „30 Gramm Choco Krispies? Man isst doch viel mehr.“ Viel mehr Getreide, das schon. Aber, wie Position zwei der Zutatenliste verrät, auch viel mehr Zucker.

Also ein Argument für die Ampel? Giese-Seip: „Die Ampel hätte ihren Sinn, wenn man mit ihr erreichen könnte, die Ernährungsindustrie zu erziehen.“ Spannend, was passieren würde, wenn die Leute aufhörten, gelbe Bonbons mit rotem Packungs-Punkt in sich hineinzustopfen, um jene „gesunden Vitamine zu naschen“, die sie in Obst ohne massive Zuckerzugabe finden könnten.

Andererseits beschränke sich die Ampel auf relativ wenige Kriterien, sage nichts über positive Dinge wie Vitamine und Ballaststoffe. So könne sie nicht nur „von der Zutatenliste ablenken“, sondern mangels Gesamturteil auch in die Irre führen, fürchtet Eschenauer. Bei Limonade zum Beispiel. Fette: wenig. Salz: null, Zucker: Massen. Ergäbe drei grüne und einen roten Punkt, was dem Verbraucher vorgaukeln würde, dass er etwas Gesundes trinkt.

Die Bio-Pommes? Besser als ihr Ruf, solange sie nicht im Frittierfett schwimmen. Zumindest sei da „nichts drin, was nicht reingehört.“ Nutella? Ein klarer Rotpunkt-Kandidat, aber gewissermaßen ein ehrliches Produkt, weil Schokocreme sowieso niemand für ein Diätmittel hält. Die original italienische Mortadella? Uneinschätzbar, weil auch die Angaben auf der Plastikpackung ausschließlich original Italienisch sind.

Es ist offensichtlich kompliziert, etwas einfacher zu machen. Aber da kann ein weiterer Griff in den Einkaufskorb helfen: Die Salatgurke ist der Inbegriff von Einfachheit. Das Gemüse besteht fast ausschließlich aus Wasser - vier grüne Punkte. Und die würde man auf der Gurke sowieso nicht sehen.

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