Liebeserklärung an Kampanien

Gigi D’Alessio besingt im Capitol Herz und Gefühle

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Erfolgreicher Exportartikel: Gigi D’Alessio zählt zu den bekanntesten Künstlern der Region, die kulturelle Eigenständigkeit bewahrt.

Offenbach - Italienischer war eine Konzert-Party im Capitol wohl nie. Der neapolitanische Sänger Gigi D’Alessio beehrte Offenbach und begeisterte bei einem kräftig umjubelten Konzert Generationen von Fans. Von Peter H. Müller

So viel neapolitanische „Passione“ und Glückseligkeit hat man wohl zum letzten Mal erlebt, als die Kicker des SSC Neapel Meister und Pokalsieger wurden - angeführt vom göttlichen Diego Maradona. Sein musikalisches Pendant Gigi D’Alessio, ein veritabler Volksheld der Region Campania, verzückt mit seinem multimedialen „Malaterra“-Projekt gleich drei Generationen von Fans. Nur die Verortung von Offenbach und „Frankoforte“ geht ein wenig daneben. Um der durchaus naheliegenden Frage „Gigi wer?“ gleich zu begegnen, ein paar erklärende Infos: Neapel und die schöne Region Kampanien - an der Westküste, sozusagen dem Rist des italienischen Stiefels gelegen - pflegen trotzig einen ganz patriotischen kulturellen Mikrokosmos. Mit einem eigenen Dialekt, der auch in Film und Musik boomt. So gibt es etwa Popstars, die dort zu Ikonen geworden sind, im Rest Italiens aber eher als „regionale Phänomene“, in der Restwelt wohl als blinder Fleck wahrgenommen werden.

Singer-/Songwriter Gigi D’Alessio ist so etwas wie der erfolgreichste „Exportartikel“ dieser Szene, direkt hinter der in Neapel erfundenen Pizza. Nur zur Einordnung: Der smarte 48-Jährige, der mit starker Stimme „o core“, also das Herz und all seine Gefühle besingt, hat inzwischen 20 Millionen Alben verkauft und auf Neapels „Piazza del Plebiscito“ schon mal mit 220.000 Fans die italienischen Momente des Lebens gefeiert.

Sein von einem Dokumentarfilm flankiertes „Malaterra“-Album ist nun eine dreißig Titel starke Hommage an, wenn nicht Image-Kampagne für diese Region, die als „Land der Feuer“ unschöne Berühmtheit erlangt hat: Es ging, verknappt zusammengefasst, um systemische Giftmüll-Skandale, verheerende Umweltverschmutzung und die Zerstörung der ehedem florierenden Landwirtschaft. Kurz vor 20 Uhr läuft denn noch ein Hochglanz-Film, der all die wunderbaren Campania-Produkte vom Mozzarella bis zum Olivenöl zeigt. Die nächste visuelle Überraschung: Seniore D’Alessio, musikalisch eine wohl klingende Mixtur aus Eros Ramazzotti und Lucio Dalla, hat einen Gutteil seiner Malaterra-Duett-Partner(innen) mitgebracht. Zumindest virtuell. Auf einer ganzen Batterie von Videowänden erscheinen da nacheinander Valentina Stella („Vaseme“), seine Lebensgefährtin Anna Tatangelo („O core e na femmena“), Lara Fabian („Un cuore malato“), Neapel-Rapper Briga („Guaglione“) und selbst der digital exhumierte Italo-Amerikaner Jimmy Roselli („Simmo é Napule paisà“).

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Dazu gibt es per Video eingespielte Streichorchester, Bläser-Fraktionen oder ein Solo von Gitarren-Meister Michael Thompson. Tatsächlich anwesend ist aber „nur“ eine formidable, fünfköpfige Band, der D’Alessio immer wieder auch am Flügel oder an der Akustikgitarre unter die Arme greift. Das Verblüffendste an diesem Abend, der einen ohne perfekte Italienisch-/Neapolitanisch-Kenntnisse etwas verloren dastehen lässt: die unfassbare, unfassbar positive Begeisterung, die all diese Songs, pardon „canzone“ auslösen - beim 65-jährigen Opa wie bei der 15-jährigen „ragazza“. Mehr Seele, mehr Leidenschaft, mehr Begeisterung geht kaum.

Gigi D’Alessio, der sich, „Ciao Frankoforte!“, irgendwie beharrlich in der benachbarten Mainmetropole wähnt, zelebriert das natürlich auch mit einem entwaffnenden Charme - und einer großartigen Bühnenshow. Am Ende, nach den Gassenhauern „Non mollare mai“ und „Ora“ jedenfalls ist man fast sicher: Camorra hin, brennender Giftmüll her - die nächste Urlaubsreise geht nach Neapel. Nur: ein Italienisch-Kurs muss vorher sein. Unbedingt.

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