Linus ist wieder daheim

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Linus ist nach sechs Wochen Lebensgefahr nicht nur in Sicherheit, sondern wieder zuhause. Denise Hofmann, eins der Frauchen, verwöhnt den Kater nun.

Offenbach - Kater weinen nicht. Hat Mutter Natur einfach nicht so vorgesehen. Dass Linus am Mittwoch geheult hätte wie ein Schlosshund, wenn er gekonnt hätte, daran besteht allerdings kein Zweifel. Und alles andere wäre auch ein Wunder gewesen. Von Marcus Reinsch

Denn zum einen heulten Elli Ferreira und Denise Hofmann, seine Frauchen, ja auch, während alle anderen Zweibeiner im Offenbacher Tierheim mindestens feuchte Augen bekamen. Und zum anderen sind Freudentränen gute Tränen. Erleichternde Tränen. Was das betrifft, darf nun halb Offenbach guten Gewissens alle Schleusen öffnen. Denn halb Offenbach hat Anteil genommen am Schicksal des Katers - der nach vermutlich mehreren Wochen in den Fängen eines Tierquälers seit Mittwoch nicht nur in Sicherheit, sondern wieder daheim ist.

Eine Nachbarin der Besitzerin schlug Alarm, als sie auf den Bildern, die Zeitungen und das Fernsehen von dem vergangene Woche in der Offenbacher Domstraße gefundenen, kaum lebenden Häufchen Elend gebracht hatten, den vor sechs Wochen ausgebüxten Kater von nebenan erkannte.

Es waren schreckliche Fotos von einer geschundenen Kreatur. Irgendein Unmensch, der sein Recht verwirkt hat, Mensch genannt zu werden, hat dem Kater mit einem Messer oder einer Schere beide Ohren abgeschnitten. Er hat ihn fast verbluten lassen. Er hat ihm ein Bein mit einer brennenden Zigarette verbrannt. Er hat ihn, auch das ergab die erste lebensrettende Behandlung in einer Obertshausener Tierklinik, in seinem Gefängnis offensichtlich hungern lassen. Er muss ihn, anders kann sich die Offenbacher Tierheimleiterin Gudrun Lincke die schwersten Verletzungen nicht erklären, irgendwie auf der Erde oder einem Tisch fixiert haben, weil kein Lebewesen stillhält, wenn ihm die Ohren abgeschnitten werden.

Und er muss sich jetzt fürchten. Mindestens vor der Polizei; eine Anzeige gegen Unbekannt ist erstattet, Tierfreunde haben außerdem 500 Euro Belohnung für Hinweise ausgesetzt, die zur Ergreifung des Täters führen. Und nimmt man einige Kommentare im Internet für bare Münze, muss er sich sogar wünschen, zuerst von der Polizei erwischt zu werden.

Hilfsbereitschaft und viel Zuspruch

Doch die Wut, die spielte erstmal keine Rolle, als Elli Ferreira und Denise Hofmann ins Offenbacher Tierheim fuhren, das Linus aufgenommen, erstmal nach dem bekannten biblischen Findelkind Moses getauft und seine Geschichte verbreitet hatte. Wichtig war nur das Glück, dass Linus lebt und auch ohne Ohren weiterleben kann. Möglich, dass der Kater, vor sieben Jahren eine Handaufzucht und wohl deshalb trotz seiner Erlebnisse auch jetzt noch sehr freundlich zu Menschen, bald operiert werden muss. Aus tiermedizinischer Sicht, erklärt Gudrun Lincke, müsse die verbleibende Haut über den freiliegenden Ohrknorpel wachsen, um die Heilung zu sichern. Ob das ohne chirurgischen Eingriff gelingt, werde sich in den nächsten Wochen zeigen.

Es werden Wochen sein, in denen Linus neben allen Streicheleinheiten und Neckereien seines nun ebenfalls wieder glückseligen Kater-Kumpels Jackson kaum dazu kommen wird, die Zeit der Folter allzu oft in Erinnerung zu rufen. In denen sich ein Tierarzt weiter um die Verletzungen kümmern wird. In denen der Napf niemals voll genug sein kann.

Und es werden Wochen sein, in denen auch viele Zweibeiner glücklich und ermutigt sein werden. Gudrun Lincke zum Beispiel. Eine dermaßen große Welle der Hilfsbereitschaft, wie sie das vom Tierschutzverein betriebene Tierheim auf dem Buchhügel gerade erlebt hat, ist selten. Es gab Zuspruch am Telefon. Das Mail-Postfach lief beinahe über. Menschen boten jede erdenkliche Unterstützung und ein Heim für Moses an.

Und ein kleines Zusatz-Wunder gab es auch. Als die Linus-Frauchen am Mittwoch im Tierheim waren, entdeckten sie den Ausdruck einer Vermisstenanzeige, mit der nach einer in Bürgel entlaufenen Katze gesucht wurde. Einer Katze, die, wie sich herausstellte, einer Streunerin, die Denise Hofmann seit einigen Tagen im Nordend fütterte, nicht nur extrem ähnlich sah. Sie war es. Und der Rest waren wieder Tränen.

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