Aufmerksamkeit mit Sex

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Erst die Literatur, dann das Radfahren: So lautete die Devise beim Waggon am Kulturgleis.

Offenbach - „Okay, Kinder, es geht weiter“, ruft Jannis den vorwiegend volljährigen Teilnehmern zu. Wie der Hirte seine Schäfchen trommelt der Mitinitiator der Lite-Rad-Tour die 20 Teilnehmer zusammen. Von Ramona Poltrock

Am Flussufer, wie es der Untertitel „Lesung entlang des Mains“ suggeriert, geht es mit dem Fahrrad zum Blauen Haus am Niederräder Ufer, um bei Musik und Barbecue den Sonntag ausklingen zu lassen. Zuvor saß die Gruppe eine Stunde auf dem Vorsprung des Waggons am Kulturgleis und lauschte in familiärer Atmosphäre – gelegentlich von Fahrradklingeln oder Passantenlachen unterbrochen – Auszügen aus selbstverfassten Aphorismen, Debütromanen und Gedichten. Drei semiprofessionelle Autoren versuchen mit Wörtern wie „Sex“, „Orgasmus“, „Höhepunkt“, „queer“ oder „Depressionen“ die Aufmerksamkeit und Fantasie der Anwesenden auf sich zu ziehen.

Einer ist Carsten Nagels. Mit minimalem Sprachaufwand erzählt der freiberufliche Texter die Geschichte einer Prostituierten und eines Behinderten. „Ich bin selbst behindert und wollte keine normale Beziehung zu einer nichtbehinderten Person beschreiben“, schildert der 47-Jährige, der im Alter von fünf Jahren einen Schlaganfall erlitt und halbseitig gelähmt ist. Viel mehr ist aus ihm nicht herauszubekommen. Auf die Frage, ob ihm die Lite-Rad-Tour gefällt, entfährt ihm nur ein knappes „Ja“. Seine Erzählung ist Teil einer Liebesgeschichten-Anthologie, die vom kreativen Kopf Jannis Plastargias initiiert und herausgegeben ist und zu der alle Autoren eine Kurzgeschichte beigetragen haben. „Liebe und andere Schmerzen. 16 Herzschläge“ startet beim Größenwahn-Verlag in einer „Queer-Reihe“. Das englische Wort beschreibt Dinge, Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen. So handeln die Erzählungen von Leben und Gefühlen von Menschen in ihrer sexuellen, körperlichen, ethnischen und religiösen Vielfalt.

Von Levend Seyhan hört das Publikum einen Auszug aus seinem Debütroman „Torben stirbt im Wohnzimmer“. Identitätslosigkeit und Einsamkeit sind die Probleme, erläutert Seyhan. Nach viereinhalb Jahren Arbeit ist ihm seine Vorfreude auf die Veröffentlichung anzumerken – und auch, dass er die Möglichkeit hat, sein Leseexemplar bei der Lite-Rad-Tour zu präsentieren. Die Lite-Rad-Tour ist eine Lesetour, die 2012 ihr Debüt feierte und aufgrund des Erfolgs in diesem Jahr wiederholt wurde. Doch woher die Idee? War es eine Anekdote, die mit einem Fahrradunfall und dem Fehlen von Lektüre bis zur Ankunft des Krankenwagens zusammenhängt? Oder war es jenes alte Wort, welches das Vergnügen des Lesens mit sich bringt, Inspiration genug?

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Ersteres beantwortet Plastargias mit nein, Letzteres hat eine Rolle gespielt. „Anfangs wollten wir mit den Autoren in einem VW-Bus herumfahren, aber wir dachten, dass so der Austausch mit dem Publikum nicht richtig stattfinden kann.“ Ziel sei es, „den Kontakt mit möglichen Lesern zu schaffen und zu zeigen, dass die Autoren und die Organisatoren da sind“, konstatiert Jannis. Also entschloss sich der Freiberufler mit seinen Freundinnen Kristina und Caro vom „Glück ist jetzt!“-Laden in Frankfurt, das Sommerwetter zu nutzen und eine Lese- mit einer Radtour zu verbinden. In dieser Reihenfolge – ist doch klar, welche Idee zuerst da war.

Für die Zukunft planen die drei noch viele kreative Lesungen. „Wir haben die Idee, drei Wohnungen in der Nähe des Hauptbahnhofs kurzfristig zu mieten und das Publikum wandern zu lassen. Außerdem stehen einige Poetry und Diary Slams an“, kündigt Plastargias an. Da kommt erneut Carsten Nagels zu Wort und unterhält das Publikum mit knappen Worten.

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