Literarische Krabbelgruppe

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Am neuen Arbeitsplatz: Gudrun Kulzer, Leiterin der Stadtbibliothek, im Bücherturm, dem Herzen der Einrichtung.

Offenbach - Einen energischen Eindruck macht Gudrun Kulzer. Und das trotz gebrochenen linken Handgelenks – Ergebnis eines „kleinen Unfalls zuhause“. „Mich haut so schnell nichts um“, bekennt die neue Leiterin der Stadtbibliothek. „Deswegen haben wir uns ja auch für Sie entschieden“, witzelte Oberbürgermeister Horst Schneider bei der Vorstellung der 52-Jährigen. Von Simone Weil

Dass die Nachfolgerin von Ernst Buchholz, der die Einrichtung nach fast 30 Jahren zum 1. Oktober in den Ruhestand verlassen hat, auch aus Bayern kommt, hat längst die Runde gemacht. Seit 1. Januar ist die aus Straubing stammende Diplom-Bibliothekarin in Offenbach. Bevor sie im November 2000 die Leitung der Stadtbücherei in Straubing übernahm, die unter ihrer Leitung mehrere Preise einheimste, führte sie ihr Berufsweg auch nach Köln, München, Münster und Essen. Neben ihrer Arbeit studiert sie Leitungs- und Kommunikationsmanagement an der Fachhochschule Regensburg. Noch im Sommer will die Frau, die sich selbst als ungeduldig bezeichnet, das Studium mit dem Master of Arts abschließen.

Als einen Schwerpunkt, der sich bereits in den ersten Wochen abzeichne, nannte Kulzer die Leseförderung in Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten. Angedacht sind „literarische Krabbelgruppen“ für die Allerkleinsten im Alter bis zu drei Jahren, in denen vorgelesen, erzählt und gesungen wird. Außerdem sollen verstärkt Jugendliche angesprochen werden, weil im Teenageralter – vor allem bei den Jungs – ein „Leseknick“ auszumachen sei. Den vielen jungen Leuten, die die Bücherei als Lernort nutzen, will sie ein eigenes Plätzchen anbieten, an dem nicht nur fachliche Medien zur Verfügung stehen, sondern auch Spiele.

Der Platz dafür soll durchs Umräumen gewonnen werden. So denkt die neue Stadtbüchereileiterin daran, sich von den Beständen des Magazins „Spiegel“, dem Gesamtverzeichnis deutschsprachiger Bücher und weiteren Zeitschriftenarchiven zu trennen. DVDs und Hörbücher sollen demnächst zentral an einer Stelle zu finden sein, außerdem mehr Bücher frontal präsentiert werden, den Leser mit dem Titel also direkt ansprechen.

Bibliotheken sind für den Krimi-Fan (vor allem englische, deutsche und nordische) wichtige Treffpunkte sowie hochmoderne Kultur- und Bildungseinrichtungen, die am Puls der Zeit sein müssen. Deswegen soll es E-Books und eine virtuelle Bibliothek auch irgendwann in Offenbach geben. Da die Installation solcher Webportale für die Informationssuche aber mit etwa 30 000 Euro zu Buche schlägt und im Budget „bescheidene“ 140 000 Euro für Medien und Zeitschriften zur Verfügung stehen, kann das eine Weile dauern. Kulzer hofft auf Landesmittel.

Weil nur zwei Wochen Zeit zwischen dem Abschied am alten Arbeitsplatz in Straubing und ihrem Antritt in Offenbach lagen, blieb der neuen Büchereichefin keine Zeit für die Wohnungssuche. Deswegen hat sie es sich vorübergehend in der Bibliothekswohnung gemütlich gemacht, die dem Schriftsteller im Bücherturm zur Verfügung gestellt wird. Da der aktuelle Preisträger Jan Seghers in Frankfurt lebt, zieht er die eigene Wohnung vor. Spätestens im Sommer wollen Gudrun Kulzers Mann (er ist ebenfalls Bibliothekar) und ihre 15-jährige Tochter ihr an den Main folgen.

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