Gerichte und Gedichte

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Während Katharina Eismann rezitiert, lauschen der Lyrikerin (von links) Johann Kneißl und Ingrid Walter im Ristorante Trattodino.

Offenbach - Erstaunlich, wie still es in einem vollbesetzten Lokal sein kann. Kein Gläserklirren, kein Tellerklappern ist zu hören, lediglich aus der Küche dringen gedämpfte Arbeitsgeräusche. Von Markus Terharn 

Vorn steht Katharina Eismann und rezitiert mit ausdrucksstarker Stimme ein eigenes Gedicht über den Mainbogen. Neulich mittags bei Trattodino. In dem italienischen Restaurant an der Ludwigstraße ist das ein bislang einmaliges Angebot – insgesamt indes die fünfte Veranstaltung dieser Art. „Literatur zur Werkzeit“ nennt die Gruppe „Autoren unterwegs in Offenbach“ ihre Reihe. Start war im Blumengeschäft Kitzinger, es folgten Caffé Cuore, Café Stäabche und Etagerie. Die Idee haben Katharina Eismann und Johann Kneißl voriges Jahr ausgebrütet. Sie besteht darin, ihre Sätze unter die Menschen zu bringen, wenn diese nicht damit rechnen, zur Arbeitszeit. „Und zwar mit Musik, sonst ist das zu trocken“, so Kneißl. Ingrid Walter und Gisela Wölbert sind dazugestoßen. Einmal monatlich lesen sie Lyrik und Kurzgeschichten in Läden und Lokalen.

„Die Inhalte beziehen sich auf alltägliche Fragen, mit denen jeder konfrontiert ist“, erläutert Walter. „Sie stellen einen Bezug zu Offenbach her.“ Oft geht’s um Themen wie Herkunft, Migration, Arbeit, Liebe, Kunst, Kultur. „Ich bin ein Stück Exotin“, behauptet Eismann, wie Nobelpreisträgerin Herta Müller als Angehörige der deutschen Minderheit in Rumänien geboren und äußerst sprachsensibel. Sie lebt seit 1980 in der Bundesrepublik, verfasst Poeme und politische Artikel, hat den Band „Im Kristallgras“ publiziert und ist mit der Gruppe Wortklang etwa bei den Offenbacher Kunstansichten und den Rumpenheimer Kunsttagen, im t-raum und im Haus der Stadtgeschichte aufgetreten.

Kneißl erinnert äußerlich sowie wegen der österreichischen Sprachfärbung an seinen Landsmann und Kollegen Peter Handke. Der Philologe, „überzeugter Offenbacher seit 1985“, betreibt die Kommunikationsagentur „alle Munde“. In einer kühnen Skizze lässt er Dichter Goethe in Frankfurt vom Sockel steigen und gen Offenbach wandern, wo er sich im Hafen 2 mit Bionade erfrischt, ehe er am Lilitempel zurückdenkt an „die angenehmsten Stunden seines Lebens“... Aus dem Hunsrück ist Gisela Wölbert nach Frankfurt gezogen, wo sie sich in einem Literaturclub mit Frauen aus aller Welt engagiert. Seit 20 Jahren schreibt die studierte Germanistin: Journalistische Reportagen, Prosa, Gedichte, von denen sie zwei vorträgt. Eins davon, „Luftgrabungen“, befasst sich ganz aktuell mit dem pulverisierten Uni-Turm der Mainmetropole. Es evoziert „Deutsche, Jugoslawen, Türken, Italiener“, die ihn errichtet haben, „Lernort für Tausende / mit Sprengstoff / zu Schutt und Asche“.

Die gebürtige Allgäuerin Ingrid Walter ist mit ihrem Büro „Walter Wortware“ und dem Stadtführer „Offenbach zu Fuß“ als Autorin etabliert, ihr Roman „Giuditta“ harrt fertig des Erscheinens. Ihre atmosphärisch dichte Schilderung eines Sizilien-Aufenthalts mit der beeindruckenden Figur eines alten Fischers lässt sich als Aufruf verstehen, weniger auf Steine denn auf Menschen zu schauen. Zu Pizza und Pasta, Poesie und Prosa hat Trattodino-Inhaber Stefan Gey eingangs gezielt Gekommene begrüßt, dazu Stammgäste, die nicht wussten, dass sie an diesem Tag ein Kulturprogramm erwartete. Über seine Druckerei Berthold unterstützt er die „Literatur zur Werkzeit“ durch die Herstellung von Plakaten und Postkarten.

Den musikalischen Teil bestreitet Kristin Raykova. An der Modern Piano School von Axel Kemper-Moll, der regelmäßig bei Trattodino in die Tasten greift, hat die Meisterschülerin bulgarischer Herkunft von Chopin zum Jazz gefunden. Zwar kann die Klavierkünstlerin in dem kleinen Raum nicht ihre volle Virtuosität zeigen, aber ihre Kostproben munden. Die Gäste haben keinen Eintritt bezahlt, werfen aber Scheine in einen Sektkübel. Daraus wird die Pianistin bezahlt und ein Buchprojekt finanziert, das Gey in seinen „Offenbacher Editionen“ herausgeben will. Von einer Porzellanschale darf jeder einen der gerade genossenen Texte klauben. Der nächste Termin für „Literatur zur Werkzeit“ steht bereits fest: „Mein Lieblingsplatz“, Café und Kinderboutique (Frankfurter Straße 95), heißt Besucher am Mittwoch, 5. März, 12 bis 13 Uhr, willkommen. Das Quartett liest bei laufendem Betrieb; verstärkt um Leo Pinkerton, die vor der Veröffentlichung ihres Debütromans steht.

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