Live, in 3D und barrierefrei

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Der neue Aufzug fügt sich perfekt in das bestehende, denkmalgeschützte, Gebäude ein.

Offenbach - Nein, bis in den Himmel fährt er nicht. Aber dafür direkt vor den wunderschönen Gottesdienstraum der Lutherkirche. Der neue Aufzug wurde gestern in einem Gottesdienst offiziell eingeweiht. Von Veronika Szeherova

Ein lang gehegter Wunsch der evangelischen Luthergemeinde geht damit in Erfüllung. Denn viele ältere, gehbehinderte oder herzkranke Menschen scheuten bislang den beschwerlichen Weg in die „Kirche der vielen Treppen“. Das soll sich nun ändern.

Doch der Weg zum Aufzug war für die Gemeinde nicht ohne Hindernisse. Ist das auffällige Gotteshaus an der Waldstraße 74-76 doch architektonisch ein besonderes. Erbaut im Jahr 1914, hat es den Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden überstanden. Um in das denkmalgeschützte Gebäude nachträglich einen Fahrstuhl einzubauen, mussten strenge Auflagen erfüllt werden. „Schon vor etwa 20 Jahren äußerten wir den Wunsch nach einem Aufzug“, sagt Karl Hainer, der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands. „aber damals hieß es ganz rigoros, dass es nicht geht.“

Vor zehn Jahren begann die Gemeinde mit einer Spendensammlung für den Fahrstuhl – ohne zu wissen, ob sich das Vorhaben realisieren lässt. Im Sommer 2009 trat der Vorstand an ein Architekturbüro heran. „Ein Aufzug in einer denkmalgeschützten Kirche, das ist wie eine Operation am offenen Herzen“, sagen die Architektinnen Stephanie Wellnitz und Daniela Klüsche-Petzold. Sie tüftelten fleißig, hatten viele Kirchenbegehungen mit Gemeindevertretern und Denkmalschützern, bis 2011 die Baugenehmigung erteilt wurde.

Kosten zum Teil von Spenden gedeckt

Im Sommer begann der Bau. „Das Jugendstil-Treppenhaus bleibt dabei in seiner ganzen Wertigkeit erhalten“, freut sich Hainer, der als Diplom-Mathematiker besonders von der Symmetrie des Treppenhauses und des ganzen Gebäudes fasziniert ist.

Die Familie von Pfarrer Ulrich Knödler opferte für den Aufzug ein halbes Zimmer. Fast ein halbes Jahr lang mussten die Gemeindemitarbeiter mit Baulärm und nicht enden wollendem Staub leben. Doch das haben alle gern auf sich genommen für das „tolle Projekt“. Auch wenn man’s nicht gern verrät: Auf 200.000 Euro beliefen sich die Kosten, zum Teil von Spenden gedeckt.

Nicht nur den Gottesdienstraum im ersten Stock, auch die Zwischenetage, die künftig die Gemeindebüros beherbergen wird, fährt der Aufzug an. So können alle Menschen die Räume problemlos betreten, ob mit Rollstuhl, Kinderwagen oder Gehbehinderung. „Wir hoffen, dass sich das schnell herumspricht und viel mehr Menschen die Gottesdienste und Konzerte besuchen“, sagt die Vorsitzende der Offenbacher Kantorei, Maike Henningsen. „Unsere Konzerte sind live, in 3D und ab sofort barrierefrei“, wirbt sie lachend.

Die Offenbacher Kantorei, die jede Woche im Gemeindesaal der Lutherkirche probt, feierte beim gestrigen Gottesdienst gleichzeitig fünften Geburtstag und Neujahrsempfang. Dabei wurde der neue Leiter und Dekanatskirchenmusiker Friedemann Becker vorgestellt, der erstmals öffentlich an der Orgel saß. Pfarrer Knödler baute in seine Predigt geschickt immer wieder den neuen Aufzug mit ein. So sorgte er für Lacher und einen beschwingten, fröhlichen Gottesdienst. So steht vielen guten Fahrten nichts im Wege.

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