Milliardenprojekt

Lokale Agenda 21 kritisiert Rechenzentrum: „Mittelalter der Umweltrelevanz“

An der Baustelle des Cloud HQ-Rechenzentrums (von links): Die Agenda 21-Mitglieder Kurt Müller, Barbara Levi-Wach, Dieter Levi-Wach und Christoph Reiß.
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An der Baustelle des Cloud HQ-Rechenzentrums in Offenbach (von links): Die Agenda 21-Mitglieder Kurt Müller, Barbara Levi-Wach, Dieter Levi-Wach und Christoph Reiß.

Die Lokale Agenda 21 kritisiert den geplanten Neubau vom Rechenzentrum des US-Konzerns in Offenbach. Sie fordert umweltgerechte Umplanungen.

Offenbach - Während die Stadt über die Ansiedlung eines gigantischen Rechenzentrums des US-Konzerns Cloud HQ am Lämmerspieler Weg jubelt und eigens ihre Strom-Infrastruktur ausbaut, regt sich heftige Kritik: Ob ungenutzte Abwärme oder dieselbetriebene Notstromaggregate – umweltmäßig liegt bei dem stromfressenden Koloss zu viel im Argen, bemängelt die Lokale Agenda 21 und fordert Umplanungen.

Kurt Müller, das Ehepaar Barbara und Dieter Levi-Wach sowie der Diplom-Ingenieur Christoph Reiß haben sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Thema beschäftigt, sind mit dem Naturschutzverband BUND im Gespräch und setzen nun auf mehr Öffentlichkeit: „Die ganzen Planungen sind bisher zu sehr im Verborgenen abgelaufen. Kaum jemand weiß, was das wirklich mit sich bringt.“

Rechenzentrum in Offenbach: Gelände für Datensammler äußerst attraktiv

Durch die Nähe zum Internetknotenpunkt DE-CIX an der Hanauer Landstraße in Frankfurt sei das Gelände in Offenbach als Standort für einen solchen Datensammler äußerst attraktiv. „Es geht um Tausendstel-Sekunden, die das Internet dadurch schneller ist, sagt Reiß. Bei Schöpfern von Krypto-Währungen, aber auch anderen, die von Daten leben, herrsche derzeit eine regelrechte Goldrausch-Stimmung. „Das macht die Entfernung überproportional wichtig, deshalb schießen gerade die Rechenzentren in der Region wie Pilze aus dem Boden.“ Die Corona-Krise mit ihrer Verlagerung des Lebens ins Digitale treibe diese Entwicklung zusätzlich an. „Es herrscht ein massiver Wettbewerb, in dem es darum geht, die Investitions- und Betriebskosten so gering wie möglich zu halten und die Gewinne zu maximieren.“

So auch auf dem ehemaligen MAN-Gelände am Lämmerspieler Weg. Das Milliarden-Projekt, das eines der größten Rechenzentren Deutschlands werden und einen Stromverbrauch etwa dem der Stadt Hanau entsprechend haben soll, sei „die billigste Version“, ärgern sich die Agenda-Vertreter. So werde an der Kühlung gespart, indem Abluftventilatoren entstehende Wärme einfach nach draußen pusten. „Jeder kennt das von Zuhause“, sagt Müller. „Selbst ein kleines Notebook erzeugt Hitze. In umso größerem Ausmaß geschieht das mit den riesigen Prozessoren.“ Dabei gebe es technische Möglichkeiten, die Abwärme zu nutzen. „Am sinnvollsten wäre, sie ins Nahwärmenetz einzuspeisen“, erläutert Reiß. Frankfurt macht es vor, wo im Gallus ein Wohngebiet mit 1300 Wohnungen entsteht, die mit der Abwärme eines benachbarten Rechenzentrums beheizt werden sollen.

Lokale Agenda

Die lokale Agenda 21, 1997 ins Leben gerufen, ist ein Zusammenschluss von politisch interessierten Bürgern, die parteipolitisch ungebunden sind und Einfluss nehmen möchten auf den Gebieten Umwelt, Soziales und Wirtschaft mit dem Schwerpunkt „Nachhaltigkeit“. Sie agieren als Schnittstelle zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik. 

Abwärme vom Rechenzentrum in Offenbach soll genutzt werden

In Offenbach ist das benachbarte Wohngebiet An den Eichen zwar bereits anderweitig versorgt, aber eine Anbindung etwa an Bürgel-Ost hält der Ingenieur für realistisch. „Eine sehr gute Idee ist aber, direkt nebenan ein Schwimmbad zu errichten. Die Fläche dafür wäre vorhanden. Und geschätzte zehn Millionen Euro für den Bau wären für den Investor Geld aus der Portokasse.“ Die Stadt müsse die sinnvolle Nutzung der Abwärme zur Auflage machen, die weitere Baugenehmigung an Bedingungen koppeln. „Noch ist dafür Zeit, die Daumenschrauben anzudrehen, das zweite Gebäude des Komplexes noch nicht im Bau“, so Reiß. In Städten wie Amsterdam oder Stockholm herrschten grundsätzlich strenge Auflagen, auch bei dem geplanten Objekt in Hanau gebe es einen städtebaulichen Vertrag – Offenbach müsse ebenso verfahren: „Cloud HQ würde zustimmen, trotz zunächst geringerer Gewinnmarge, denn die Nähe zum Internetknotenpunkt ist entscheidend.“

Die Stadt und mit ihr Oberbürgermeister Felix Schwenke seien bislang „die Getriebenen“ des Konzerns gewesen, sagt Barbara Levi-Wach. „Hauptsache eine Ansiedlung, da wird schnell zugestimmt, ohne sich allzu tief damit auseinanderzusetzen.“ An den zuständigen Stellen herrsche „Weiterbildungsstau“, zumal Corona alle anderen Themen überschatte.

Auch die dieselbetriebenen Notstromaggregate seien die „billige Lösung“ und ökologisch ein Desaster. Die Nutzung der U-Boot-Motoren mit jeweils rund 10 000 PS führe jedes Diesel-Fahrverbot ab absurdum. „Wir sind im Mittelalter der Umweltrelevanz“, schimpft Reiß. Es müssen gigantische Mengen Öl gelagert und verbrannt werden, der Krach und die Emissionen bei den monatlichen Probeläufen entsprächen mehreren Hundert zeitgleich vorbeifahrenden Lkw. Einmal jährlich gebe es sogar einen Tageslauf. „Das wird alles ins Wohngebiet geblasen.“ Es stelle sich die Frage, ob solche Tests überhaupt notwendig seien, wenn der zentrale Versorger EVO eine hundertprozentige Stromversorgung zusichere. Die teure, aber umweltverträglichere Alternative seien wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen. Nicht zuletzt müsse es im Interesse von Rechenzentren-Betreibern sein, vom Klimasünder-Image wegzukommen. (Veronika Schade)

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