„Der Saal tobte vor Wut“

Legendäres Lou-Reed-Konzert 1979 in der Offenbacher Stadthalle - Leser erinnern sich

Legendäres Lou-Reed-Konzert 1979 in der Offenbacher Stadthalle
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Legendäres Lou-Reed-Konzert 1979 in der Offenbacher Stadthalle

Im Jahr 1979 fand in der Offenbacher Stadthalle ein legendäres Lou-Reed-Konzert statt. Das Konzert ist vielen Lesern unserer Zeitung lebhaft im Gedächtnis geblieben. Wir haben mit ihnen gesprochen. 

Offenbach – Das Lou-Reed-Konzert am 6. April 1979 in der Stadthalle Offenbach, das in einem Tumult endete, ist vielen Lesern unserer Zeitung lebhaft im Gedächtnis geblieben. Wir haben nach Augenzeugen gesucht und dazu aufgerufen, uns die Erinnerungen an den Abend zu schildern. Unter den Zuschriften gab es sogar Fotos vom Konzert, die ein Besucher verbotenerweise mit einer eingeschmuggelten Kamera gemacht hat.

Die Versionen über den Verlauf des Abends gehen in den Erzählungen stellenweise auseinander, sind auch teilweise widersprüchlich – kein Wunder angesichts der Zeit, die vergangen ist. Und so bleiben viele Fragen offen: Welchen Song spielte der Musiker als erstes? Woran entbrannte der Streit zwischen Reed und dem Publikum – waren es Pöbeleien des ungeduldigen Publikums oder war es gar ein Missverständnis? Welche Rolle spielte die Frau, die anscheinend auf die Bühne kam und vom Rockstar geschlagen worden sein soll? Ein Augenzeuge berichtet sogar von einer „Art Scheiterhaufen“, auf dem Konzertplakate verbrannt wurden. Einig sind sich unsere Augenzeugen jedenfalls darin: Die Stühle flogen, Reed brach das Konzert ab – und man selbst war Teil eines historischen Moments geworden.

Ralph Baller aus Offenbach

„Die Stimmung war von Anfang an negativ aufgeladen, da Lou Reed erst mit circa 45-minütiger Verspätung auf die Bühne kam. Dann ging das Konzert los mit einer krachenden Version von „Sweet Jane“, was die Fans zunächst versöhnte. Doch schon nach dem zweiten oder dritten Lied kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen Reed und lautstarken Fans, in deren Folge die Aggressionen auf Reed (...) weiter stiegen. Die vielfach alkoholisierten Fans ließen ihrem Unmut freien Lauf. Daraufhin unterbrach Reed das Konzert und forderte, dass diese Personen den Saal verlassen müssten. (...) Dadurch eskalierten die Aggressionen weiter und Reed verließ (...) die Bühne. Nun tobte der Saal vor Wut. Ein Sprecher teilte (...) mit, dass Lou Reed in einer sehr angespannten psychischen Verfassung sei, man wolle ihn aber überreden, das Konzert fortzusetzen. Nach zehn Minuten kehrte er auf die Bühne zurück und führte das Konzert mit Songs aus dem Berlin-Album zunächst fort.

Als jedoch ein Bierbecher oder ein Feuerzeug auf die Bühne geworfen wurde, stoppte er (...) die Performance. Im Tumult (...) sprang eine junge Frau auf die Bühne und rannte direkt auf Reed zu, der sie mit einem Reflex zu Boden ringen konnte. Die Situation wurde immer gefährlicher und Reed und seine Band verließen erneut die Bühne. Die Fans harrten noch circa 30 Minuten (...) aus, bis die Durchsage kam, das Konzert werde nicht fortgesetzt. Daraufhin kam es zu Sachbeschädigungen. Einige hundert Stühle wurden in Richtung Bühne geschmissen. Beim Verlassen der Halle konnte ich noch den Polizeiwagen sehen, mit dem Reed abtransportiert wurde. Am nächsten Morgen erfuhr ich aus der Offenbach-Post, dass Reed eine Nacht im Offenbacher Gefängnis verbracht hatte.“

Ralph Baller erinnert sich. 

Roland Stübing aus Offenbach

„Mein Freund und ich hatten aufgrund persönlicher Verbindungen einen Platz im Technikbereich, seinerzeit angesiedelt rechts oben an der Sitztribüne über dem Seiteneingang (...). Wir konnten die ganze Halle überblicken. Diese war bis auf den letzten Platz gefüllt, gefühlt von 90 Prozent US-amerikanischen Soldaten aus der Region. Es herrschte im wahrsten Sinne des Wortes dicke Luft, getragen von Tabak, Alkohol und anderen Stoffen. Dazu kam eine endlose Warterei auf die Band, der Unmut war zu spüren, es brodelte. Als die Band die Bühne betrat, eskalierte die ganze Sache. (...)

Da das Publikum sehr nahe an der Bühne war, kam es wohl, wahrscheinlich wegen der immensen Zeitverzögerung, zu Diskussionen und Pöbeleien auf beiden Seiten, wobei Lou Reed dies über Mikro kundtat.

Soweit ich mich erinnere, kletterte nach dem ersten oder zweiten Song eine junge Frau auf die Bühne und redetet auf Reed ein, der kurz darauf mit einer Ohrfeige und einem Stoß von der Bühne antwortete. Damit wurde das Ende des Abends eingeleitet, einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert folgte der erste Stuhl Richtung Bühne. Ein wahrer Regen von Stühlen folgte (...). Der Mob fand Gefallen daran und die Einschläge am Schlagzeug wurden mit Gejohle gefeiert. Das Licht war wieder an, Stühle und deren Reste türmten sich vor und auf der Bühne.

Die Band hatte fluchtartig die Bühne verlassen. Die Halle war immer noch voll, als die US-Militärpolizei im Laufschritt den Saal betrat und (...) dem Spuk unter Einsatz von Baseballschläger-ähnlichen Kommunikationswerkzeugen ein Ende bereitete. Zurück blieben Stuhlhaufen und ramponiertes Bandequipment. (...) Zur Personalie Lou Reed wäre noch zu sagen, dass er, soweit ich mich erinnere, die Nacht im Gewahrsam in der Polizeiwache in Heusenstamm verbrachte.

Reed hat sauber abgeliefert: Dann habe es aber, erinnert sich Michael Bald, ein fatales Missverständnis gegeben.

Michael Bald aus Offenbach

„Ich war alleine beim Konzert und saß mittig im Saal. Das Hallenlicht war an, alles war hell erleuchtet, als mit erheblicher Verspätung die Band auf die Bühne kam. Da gab es schon Unruhen wegen der Wartezeit. Reed spielte als erstes „Satellite Of Love“. Er machte einen etwas derangierten Eindruck, hat aber sauber abgeliefert. Die Leute deuteten die ganze Zeit auf das Deckenlicht. Trotz Beleuchtung – vielleicht war der Lichttechniker stoned oder so was – spielte Reed den ersten Titel zu Ende. Das Publikum rief ,Licht aus! Licht aus!’ Reed fing das zweite Stück an, verließ aber nach etwa 45 Prozent des Songs die Bühne, weil er wohl dachte, dass er ausgebuht wurde. Ein Missverständnis, er sprach ja kein Deutsch. Er kam dann zurück, um sich zu erkundigen, was los sei, verstand aber wohl nicht. Ich erinnere mich noch an sein wutverzerrtes Gesicht. Ein Mann rechts vor mir formte seine Hand zur Pistole und zielte auf Reed. Der sah das, deutete auf den Mann im Publikum und wollte, dass dieser entfernt wird. Die Zuhörer haben sich daraufhin mit dem Mann im Publikum solidarisiert, es kam zu Tumulten. Und dann ging’s ab: Stühle flogen durch die Luft, einer wollte eine Gitarre von der Bühne klauen. Leute wollten das Mischpult zerstören, der Techniker stand da drauf und versuchte sich mit einer Stange zu verteidigen.

Auf dem Weg nach draußen habe ich mir ein Plakat für fünf D-Mark gekauft. Und als ich dann vor die Tür ging, sprach mich ein Typ an: Ich sollte mein Plakat doch dorthin werfen: Da brannte eine Art Scheiterhaufen mit den Konzertplakaten!

Roland Stübing war war beim Konzert 20 Jahre alt

von Lisa Berins

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