Lücken im Dienstplan

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Zivi Niko Goebel an seinem Arbeitsplatz bei der Arbeiterwohlfahrt. Auf seinem Stuhl sitzt 2011 vielleicht ein 400-Euro-Jobber. Die Hilfsverbände haben ein Jahr Zeit, sich auf die Verkürzung des Zivildienstes vorzubereiten.

Offenbach ‐ Ein letztes Mal sortiert Niko Goebel Unterlagen im Büro des Sozialen Dienstes der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Es ist der letzte Tag des Zivildienstleistenden, zwei Nachfolger sind schon eingearbeitet. Neun Monate gehörte er zum Team der Offenbacher AWO, war zuständig für das Eingeben von Speiseplänen, das Ausfüllen von Listen und das Ausfahren von Mittagessen.Von Katharina Platt

Wie lange die AWO noch auf die Unterstützung von Zivildienstleistenden wie Goebel zurückgreifen wird, ist fraglich. Die Pläne der schwarz-gelben Bundesregierung machen so manchem sozialen Verband einen Strich durch die Dienstpläne für 2011. Der Koalitionsvertrag von CDU und FDP sieht eine Verkürzung der Wehrpflicht von neun auf sechs Monate vor. Weil die Länge des Zivildienstes an die Dauer des Wehrdienstes gekoppelt ist, wird auch dort die Einsatzzeit verkürzt.

Niko Goebels Arbeitgeber muss sich nun überlegen, wie er mit einer Gesetzesänderung umgehen wird. „Vielleicht werden Zivildienststellen abgebaut und durch Aushilfsstellen ersetzt“, sagt Jürgen Platt, Geschäftsführer der AWO. Der Aufwand, Zivis einzuarbeiten, würde sich bei sechs Monaten Einsatzzeit kaum lohnen. Außer den mehrwöchigen Schulungen und den Urlaubstagen bleibe nur wenig Zeit für die eigentliche Arbeit. Zudem könne man den Kunden und den zu betreuenden Personen einen ständigen Wechsel der Einsatzkräfte nicht zumuten. Zivi Niko Goebel teilt die Einschätzung seines Vorgesetzten: „Die Kunden von ´Essen auf Rädern´ müssen dann alle paar Monate einen neuen Mitarbeiter in ihre Wohnung lassen. Das ist eine Zumutung.“

Verkürzung kostet viel Geld und macht mehr Arbeit

Auch der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) sieht den Plänen der Bundesregierung skeptisch entgegen. Durch die Verkürzung der Dienstzeit seien die Zivildienstleistenden kaum noch einsetzbar. Unter Umständen käme es sogar zur Einstellung einzelner Bereiche, heißt es in einer Presseerklärung des Regionalverbands Mittelhessen.

Der ASB rechnet mit Qualitätsverschlechterung und Problemen bei der Einsetzbarkeit der Zivis wegen Schulungen und Einweisungen. Auch Preiserhöhungen könnten die Konsequenz sein.

Sowohl der ASB als auch die AWO können sich vorstellen, einen Teil der Zivildienststellen in Stellen für geringfügig Beschäftigte umzuwandeln. Schon jetzt macht die Arbeiterwohlfahrt damit gute Erfahrungen. Für 400 Euro fahren 19 Rentner und Hausfrauen am Wochenende Essen aus oder helfen im Seniorenservice. „Diese Kräfte sind meist sehr zuverlässig und länger im Team als die Zivis“, berichtet Jürgen Platt. Mehr FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr) einzusetzen, ist für den Sozialarbeiter keine Alternative. „FSJler kosten mehr und können aufhören, wann immer sie wollen.“ Der ASB könnte sich dennoch vorstellen, mehr FSJler einzusetzen. Zumal die Nachfrage nach FSJ-Stellen zurzeit größer ist als das Angebot.

AWO vergibt schon länger weniger Zivi-Stellen

Bereits seit zehn Jahren vergeben die AWO und ihre Tochtergesellschaft, die Werkstätten Hainbachtal GmbH, weniger Zivildienststellen. Anstelle von einst 45 tummeln sich heute nur noch 22 junge Männer auf dem Gelände im Hainbachtal. Die Tagesförderstätte, in der schwerbehinderte Menschen gepflegt und betreut werden, ist schon länger kein Einsatzgebiet für Zivis mehr. Hier arbeiten vor allem FSJler, die mindestens zwölf Monate im Haus sind. Bis zum 1. Juli 2000 mussten junge Männer noch 13 Monate Dienst ableisten. „Das war ideal für uns. Da haben die alten Zivis die neuen abgelöst“, erinnert sich Jürgen Platt. Seitdem wurde fast alle zwei Jahre der Rotstift bei der Dienstzeit angesetzt. 2001 mussten noch elf Monate geleistet werden, 2003 nur noch zehn und seit Oktober 2004 müssen die Zivis nur noch neun Monate ran.

Ausbildung im Rettungsdienst dauert länger als Zivi-Zeit

Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) reagierte, als der Zivildienst von zwölf auf neun Monate reduziert wurde. Seitdem werden nur noch wenige Zivis im Rettungsdienst eingesetzt, weil die Ausbildung zu lange dauert. Zurzeit beschäftigt die Einrichtung 15 Zivis. Der DRK-Kreisverband Offenbach muss ebenso wie die anderen Hilfsverbände über den grundsätzlichen Einsatz von Zivildienstleistenden nachdenken und eine Entscheidung treffen. „Grundsätzlich wird es jedoch keine Auswirkungen und Einschränkungen auf die Angebote des DRK-Kreisverbandes durch die Verkürzung geben“, betont Personalleiter Josef Bonn.

Niko Goebel hätte auch für nur sechs Monate seinen Dienst bei der AWO angetreten. Nun tritt er wieder seine alte Arbeitsstelle in Frankfurt an. Er ist dankbar für die Erfahrungen und hält es für sinnvoll, Alten und Bedürftigen Menschen zu helfen. Und zwar länger als sechs Monate.

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