Luftzufuhr fürs Orgeldenkmal

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Am technisch umgerüsteten Originalspieltisch ist der erfahrene Orgelbauer Christhard Grummt tätig. Das vom berühmten Professor Helmut Bornefeld konzipierte, denkmalgeschützte Spitzeninstrument war in die Jahre gekommen.

Offenbach ‐ Viel Wind zu machen, gehört nicht nur in der Politik zum Geschäft. Bei einer Orgel jedoch ist guter Durchzug geradezu Bedingung, ohne atemreiches Windwerk nützen die schönsten Pfeifen nichts…. Von Reinhold Gries

An Luftzufuhr hatte es Hessens größter protestantischer Kirchenorgel in der Markuskirche zuletzt etwas gemangelt, das vom berühmten Professor Helmut Bornefeld konzipierte, denkmalgeschützte Spitzeninstrument war in die Jahre gekommen. 1962 wurde es von Bornefeld und der süddeutschen Orgelbaufirma Gebrüder Link in die ein Jahr zuvor geweihte Markuskirche am Buchhügel eingebaut, abgestimmt auf den modernen Kirchenraum. Aber der Verschleiß und kleine Mängel führten dazu, dass der lange an ihr spielende Hans-Wolfram Hooge zuletzt sogar auf eine Elektroorgel auswich.

Mit jugendlichem Schwung nahm sich Hooge-Nachfolgerin Claudia Regel des Patienten an, der nicht schwer krank war, aber überholungsbedürftig. Gemeinsam mit Pfarrerin Ursula Trippel und der Markusgemeinde rief sie 2007 die Spendenaktion „Markus-Orgel – Töne die zum Himmel steigen“ ins Leben, um die Renovierungskosten von geschätzten 80 000 Euro aufzubringen. Bis 2009 hatte man den Betrag beisammen, da Gemeindemitglieder, Gönner und Musikfreunde „Orgelpatenschaften“ für eine oder mehrere der 3300 Orgelpfeifen erwarben. Die Orgel hatte auch mitgeholfen: Sie funktionierte bei Benefiz-Konzerten leidlich gut, weil Meisterorganistin Regel die Schwächen des Instruments zu kaschieren wussten. Jetzt aber ist die einzige südhessische Bornefeld-Orgel verstummt, nicht nur, weil die Kantorin im vergangenen Jahr eine neue Stelle in Lauterbach antrat.

Überarbeitung wird um die 115 000 Euro kosten

„Kur“ – an Ort und Stelle auf der Empore – ist nun für die Markus-Orgel angesagt, deren grundlegende Überarbeitung wohl um die 115 000 Euro kosten wird. Dabei ist das Sorgenkind in besten Händen, nämlich in denen der 200 Jahre alten Dresdener Orgelbaufirma Jehmlich, die nicht nur in Ostdeutschland einen ausgezeichneten Ruf besitzt und zuletzt von einer 45-köpfigen „Abordnung“ der Markusgemeinde besucht wurde.

Claudia Regel (inzwischen in Lauterbach) rief die Spendenaktion für die Orgelrenovierung mit ins Leben.

Juniorchef Ralf Jehmlich zur Orgel-„Aufnahme“ in Offenbach im März 2009: „Unabhängig vom dringend notwendigen Reinigen und Durchsehen war einiges nicht in Ordnung, Lederteile und Gummitücher des Windwerks löchrig, Kunststoffteile beschädigt, Bälge rissig, Ventile verstopft. Etliche Metallplättchen in den Kehlen der Pfeifen, die schwingenden Zungen, hingen lose in der Gegend.“ Das ist so, als ob einem Sänger die Stimmbänder abgerissen sind. Da war gründliche Therapie geboten, die das erste technische Team nun in Offenbach ansetzt. Eine zweite Mannschaft kümmert sich danach um die Klanggestalt und raumangepasste Intonation der Register. Jehmlich dazu: „Die müssten wir eigentlich nachts machen, wegen des Fluglärms… Aber wir werden es auch so schaffen, den konzertanten Klangcharakter der Orgel zu bewahren.“ Seine Techniker tragen das Konzept mit Akribie und Freude. Steffen Hartmann, gelernter Schlosser und Kunstschmied, ist für jede der Metallpfeifen inklusive Korpus, Kehle und Zunge zuständig. Es verrät viel Liebe zur Materie, wie er die säuberlich in Regalen und auf Werktischen aufgereihten Orgelflöten anfasst, über die Form zieht, dort zart zurechtklopft und -biegt, um sie dann auf Hochglanz zu polieren. Seine „Metallteilchen“ sind von 13 Zentimetern bis zu 5,60 Metern hoch. Er resümiert: „Das ist schon ein tolles Instrument hier, mit zweiarmiger Tontraktur. Es geht aber nicht nur um Technik, auch die Aura dieser Orgel gilt es zu bewahren. Gerade in einer Zeit, die inhaltlich immer flacher wird.“ Derweil quält sich Orgelbauer Jörg Zschiedrich im Liegen und ächzend mit Montagearbeiten an einem schlecht zugänglichen Orgelteil ab. Um gleich nach der Lösung des Problems sein Liegendwerkeln mit fröhlichem Pfeifen fortzusetzen und dann auf einem Gerüst vor dem Orgelprospekt zu hantieren.

Am technisch umgerüsteten Originalspieltisch ist unterdessen der erfahrene Orgelbauer Christhard Grummt tätig. Zwischen dem Verlöten elektrischer Widerstände gibt er Einblick: „Hier haben wir ein Schubkästchen eingebaut, das es in sich hat. Auch gesteuert von entsprechend programmierter Chipkarte, sorgt es für neue elektronische Setzung der zuvor nur mechanisch-elektrisch betriebenen Anlage. Sehen Sie da, die Platte, das ist High-Tech. Da muss die Klaviatur nicht mehr nachreguliert werden.“ Und lobt ein altes Stück: „Diese Schweizer Windmaschine ist von 1962. Die ist einfach prima, da gibt´s heute nichts Besseres. Wird aber nicht mehr gebaut.“

Bei so viel Liebe zum Detail ist einiges vom neuen, alten Klang der Bornefeld-Orgel zu erwarten. Die Intonateure Pascal Rottmann und Markus Schanze sollen bis Ende Mai fertig sein. Dann treffen Anfang Juni Horst und Ralf Jehmlich mit Sachverständigen, Denkmalamt und dem Kirchenvorstand um Pfarrerin Trippel zusammen. Auch Vertreter der fördernden Landeskirche und Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sind bei der „Endabnahme“ dabei. Die Orgelweihe unter dem neuen Kirchenmusiker Jens Wolter ist für 13. Juni terminiert. Ein Orgelfest zeichnet sich ab.

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