Luminale-Künstlerin Julia Krayer

Kompostierbare Pilzmode

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Nicht Haut, nicht Leder, irgendwo zwischen Pergament und Papier: Designerin Julia Krayer fertigt aus bakteriell erzeugter Zellulose Leuchtobjekte und erforscht das ungewohnte Material.

Offenbach - Der Stoff, aus dem Julia Krayers Träume sind, entsteht in abgedeckten Plastikwannen bei ihr zu Hause. Aus einem Teepilz gewinnt die 27-jährige Diplom-Modedesignerin bakteriell erzeugte Zellulose, die sie zu Leuchtobjekten verarbeitet. Von Jenny Bieniek 

Langfristig könnte das Material auch in der Textilindustrie Verwendung finden. Die Reaktionen Außenstehender auf das unbekannte Etwas sind höchst unterschiedlich: Manche Menschen sind begeistert und fasziniert von dem angenehm weichen Material. Andere empfinden Ekel aufgrund des ganz eigenen, süßlichen Geruchs der Zellulose und sind abgeschreckt. „Die Kombination aus weich und dunkel erzeugt bei vielen Leuten Abscheu, weil sie an tote Haut erinnert“, weiß Krayer. Dass das Material zudem schnell Hautfeuchtigkeit aufnimmt, verstärkt den morbiden Eindruck zusätzlich.

Zur Herstellung lässt Krayer Kombuchatee fermentieren. Das dabei entstehende Bakterium bildet an der Oberfläche der Ansatzflüssigkeit Zellulose. Krayer verarbeitet die auf diese Weise entstehende, noch nasse Haut weiter und experimentiert mit ihr. Durch Kochen in Wasser etwa wird sie spröde und papierartig, durch Essig verfestigt sie sich. Wachs macht die Haut geschmeidig, getrocknet wird sie ledrig und lichtdurchlässig. Auch Färben ist problemlos möglich.

Spannendes Material

„Es ist ein spannendes Material, das sicher als Werkstoff für die Zukunft taugt“, ist die inzwischen in Duisburg lebende Künstlerin überzeugt. Vor ihrem Studium an der Hochschule Pforzheim besuchte Krayer die Schule für Mode, Grafik, Design in Offenbach. Bei der jüngsten Luminale präsentierte sie Leuchtobjekte aus jenem organisch gewonnenen, ursprünglich dunklem Stoff. „Wegen der schönen Transluzenz bieten sich Leuchtobjekte besonders an. Damit hab ich mich auch noch nicht ausgetobt“, kündigt die 27-Jährige an.

Anfangs züchtete sie das Material in Plastikwannen in ihrem Badezimmer. „Bei einer 40 Quadratmeter großen Wohnung ist das auf Dauer aber nichts, zumal der Pilz je nach Fermentationsstadium extrem nach Essig riecht.“ Obwohl der Geruch mit der Zeit verschwindet, züchtet sie inzwischen in einem kleinen Atelier auf dem Dachboden – und im Labor.

Zusammen mit Biologen und Chemikern forscht die freiberufliche Designerin seit einem halben Jahr als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut. „So kann ich Gestaltung und Naturwissenschaften unter einen Hut bringen“, sagt Krayer, die Biologie einst als Leistungskurs hatte. Sie hofft, dass die Teepilz-Haut künftig vielseitige Verwendung findet, etwa für Interieurdesign oder als Ersatz für Leder.

Luminale in Offenbach und Frankfurt (Archiv)

Luminale in Offenbach und Frankfurt

Als Tochter einer Kürschnermeisterin ist Krayer zwar mit dem Tierprodukt aufgewachsen, „aus ethischen Gründen arbeite ich inzwischen aber ungern damit“. Irgendwann begann sie, sich mit Massentierzucht auseinanderzusetzen – und aß in der Folge immer weniger Fleisch. „Leder, Pelz, Fleisch, das macht für mich keinen Unterschied“, sagt die 27-Jährige. Auch deshalb hofft sie, dass sich die bakteriell erzeugte Zellulose langfristig als Lederersatz eignet.

Um das reißfeste, meist transparente Material bekannter zu machen und Interessenten dafür zu gewinnen, stellt Krayer es heute in einem Vortrag vor. „Im Prinzip kann das jeder zu Hause selbst züchten“, sagt sie. Die dafür nötigen Bakterien seien für wenig Geld im Netz bestellbar, daneben brauche es nur Wasser, Tee und Zucker.

‹ Wer mehr über das aus Kombuchatee gewonnene Material erfahren möchte, kommt am heutigen Freitag um 19 Uhr in die Schule für Mode, Grafik, Design, Bernardstraße 73. In einem Vortrag in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Frauen für Offenbach stellt Julia Krayer ihre Arbeit vor und bringt Proben zum Anfassen mit.

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